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Rohöl und Raki (Albanien XII)

Gjirokastra im ersten Tageslicht, Albanien 2006


Warum nicht mit dem Bus nach Gjirokastra in Südalbanien fahren. Also einen richtigen Bus, keinen Ford Transit. Die Reisebusse sind ähnlich antik wie die Furgons, meistens funkige alte Mercedes oder Käsbohrer mit Vorhängen an den Fenstern. War eine wunderbare Fahrt, es schaukelt etwas weniger und ist weniger eng, dafür kontemplativer als im Minibus und dauert auf diesen Straßen auch nur unwesentlich länger als im Furgon: 8 Stunden für die 260 km, ein Minibus hätte es vielleicht in 7 geschafft.

Funky Bus, Albanien 2006


Aber was ist Zeit… Ist es nicht eh eine der schönsten Gesten beim Reisen, loszulassen und den Dingen Weile zu geben?
Erst ging’s Richtung Küste, nach Golem. Dort ist wirklich jedes Huppelchen in der Landschaft mit Bunkerstellungen gesichert. Hunderte, ja Tausende der Betonpilze sieht man auf dieser Strecke.

Förderturm bei Fieri, Albanien 2006


Dann fing es irgendwann an, immer strenger nach Petroleum zu riechen und ich dachte erst, dass was mit dem Fahrzeug nicht stimmt; seltsame Geräusche und Gerüche sind ja eher die Regel. Aber dann sah ich: wir fuhren durch die Ölfelder bei Fier. Das anmutige Flusstal über dem die schmale Straße entlanglief, war gespickt mit korrodierten, altertümlichen Fördertürmen und den klassischen Pumpen mit tiefschwarzen Rohöl-Pfützen außenrum; abenteuerliche, rostende Pipelines durchzogen die Landschaft. Wusste bis dahin überhaupt nicht, dass Albanien eine Ölindustrie besitzt. Viel kann’s nicht sein, sonst wären längst die internationalen Multis da. So rostet und sifft die chinesische und russische Ausrüstung auf dem technologischen Stand der 60er gemütlich vor sich hin.

Bei Fieri, Albanien 2006


Dieses Ölquellental, das sich stetig verbreiterte, wird mit einem pastoralen Kontrastprogramm bespielt.

Auf den Wiesen des Fusstals hüteten Hirten ihre Schaf- und Ziegenherden. Es widerstrebt mir, dieses harte Leben als malerisch zu bezeichnen, aber es sah so aus, irgendwie beneidenswert friedlich, im goldenen Morgenlicht.

Zwischen Fieri und Gjirokastra, Albanien 2006


Oft hockten die Schäfer auf dem Feld. Ich meine nicht sitzen. Das Hocken, als Ruheposition ist in Albanien allgegenwärtig und vielleicht sollte ich es näher erklären: in Mitteleuropa steht man, sitzt man oder liegt man. Hocken kenne ich nur aus dem Sportunterricht. Ich krieg’s auch hin, käme aber nicht auf die Idee, länger in dieser Position zu verweilen. In Albanien sieht man oft jemanden in der Hocke. Kinder, Erwachsene, Alte am Straßenrand, oder das Bodenpersonal am Mutter-Theresa Flughafen. Ob die Piloten auch hocken? Jedenfalls ist hier eine Anleitung zum Ausprobieren: die Füße stehen gerade auf dem Boden, die Brust ist an den Knien und der Hintern schwebt über dem Boden oder sitzt auf den Hacken. Die Hände sind frei.
Bei Albanern sieht das sogar bequem aus.

Esel, überall Esel, Albanien 2006


Ich habe in meinem Leben noch nie so viele Esel gesehen. In Albanien auf dem Land das Universaltransportmittel. Ich liebe diese schönen, stoischen Tiere. Es ist noch nie jemand auf einem Esel in den Krieg geritten, hat einmal jemand ganz klug bemerkt. Sie ziehen Wagen mit ungeheueren Mengen Steinen, mit der Ernte, Müll und Möbeln, manchmal sitzt einfach jemand im Seitensitz auf dem Holzsattel und versucht zu reiten. Meistens stehen sie angebunden auf einem Feld, mit einem altertümlichen Holzsattel auf dem Rücken, wie bestellt und nicht abgeholt.
Einmal sah ich einen Bauern, der sich abmühte, seinen Esel von der Straße zu ziehen – das Tier wollte sich aber anscheinend lieber von einem Kieslaster überrollen lassen als zu gehorchen. Im letzten Moment tat er einen Schritt an den rettenden Straßenrand

Es schien mein Schicksal zu sein – (oder mein Aftershave?) direkt hinter mir im Bus wurde wieder gekotzt. Dieses mal war es ein kleines Mädchen, dass sich immer wieder übergeben musste. Die Arme – erst war sie ganz enthusiastisch übers Busfahren gewesen, nach 10 Minuten fragte sie, was mit Gelächter quittiert wurde, ob wir schon in Gjirokastra wären, dann wurde der Kleinen das Gekurve und Gehupfe wohl doch zuviel.
Nach einem kurzen Zwischenstop an irgendwelchen Heilquellen in einem grünen Tal der kargen Berglandschaft, wo wir alle köstliches, kaltes Wasser tranken, kamen wir in der Dämmerung in Gjirokastra an.
Dass ich alle Taxifahrer abgewimmelt hatte, bereute ich zwischenzeitlich, als ich den steilen hohen Berg hinaufstieg, an dem die Altstadt klebt.

Gjirokastra, Albanien 2006


Ich hatte keine Ahnung wohin ich lief, also erkundigte ich mich beim nächsten Passanten, wo denn Dragos Haus wäre. Der Herr – und dann noch ein zweiter älterer Herr, der ortskundiger schien und bei dem der erste Herr nochmal nachgefragt hatte, führten mich hin. So geht das. Beide lehnten dankend ab, als ich sie zum Kaffeetrinken einladen wollte.
Wie gesagt, es gibt weder Straßennamen, noch Hausnummern – man muss sich durchfragen. Warum ist das nicht überall so?

Gjirokastra, Albanien 2006


Gjirokastra ist die Geburtsstadt von Diktator Enver Hoxha, der übrigens aus einer sehr wohlhabenden Familie stammte. Daher ist die Stadt baulich relativ gut in Schuss. Ich sage relativ, denn zur Zeit des Kommunismus wurde dort viel für den Denkmalschutz getan. Inzwischen sind viele Häuser eingestürzt und die ganze Altstadt, die über dem modernen Plattenbau-Gjirokastra thront, verstrahlt den Charme einer fremden, untergegangenen Welt. Um das einzuatmen, muss man keinen Roman von Ismail Kadare gelesen haben.

Gjirokastra, Albanien 2006


Gjirokastra, Albanien 2006


Man sieht fast nur alte Menschen dort. Und natürlich keinen einzigen Touristen.
Ich hatte immer noch keinen einzigen getroffen, seit ich in Albanien bin! Dabei klapperte ich hier die Hauptattraktionen ab. Ich rechnete stündlich damit, dass im Bus oder vor irgendeiner Moschee endlich mal einen abenteuerlustigen Ausländer um die Ecke bog, der bei keiner Internationalen Organisation in Albanien tätig ist. Aber es passierte einfach nicht. Das gab meiner Reise eine ganz spezielle surreale Note. Sowas hab ich noch nirgends erlebt.

Gjirokastra, Albanien 2006


An der Infrastruktur konnte es zumindest in Gjirokastra nicht liegen: meine Unterkunft glich eher einem Volkskundemuseum – das riesige osmanische Haus aus dem frühen 19. Jahrhundert war liebevoll renoviert. Erst am nächsten Tag stellte ich fest, dass ich nicht mal das schönste Zimmer bekommen hatte – die Aussicht über die Stadt war zwar episch und die Heizung auf dem neusten Stand – deshalb wurde ich wohl dort einquartiert, weil es nachts verdammt frisch war. Aber die Zimmer im ersten Stock, die ich am nächsten Morgen mal besichtigte – ich war selbstverständlich der einzige Gast – waren wunderschön: handgeschnitzte Holzdecken, wunderbare Wandschränke, Kommoden und Teppiche.

Osmanisches Haus, Gjirokastra, Albanien 2006


Nach dem Check-in auf Albanisch und gemischtem Euroslang bei einer aller Fremdsprachen ohnmächtigen kleinen Frau tappte ich hungrig und ziemlich erschöpft von der Reise noch ein weiteres Stück den pechschwarzen Berg hoch. Ich leuchtete mir mit einer Taschenlampe den Weg. Man will ja auf keine Viper tappen.
Der Sternenhimmel war bombastisch. Man sah die Milchstraße ganz deutlich. Fehlende Straßenbeleuchtung hat offensichtlich nicht nur Nachteile.
Dort oben war ein Restaurant, in dem ich ebenfalls der einzige Gast war. Im Kamin brannte ein halber Baum, darum blieb ich da, es war ganz schön kalt hier in den Bergen. Außerdem war die Aussicht super. Unten sah man die paar Lichter des modernen Gjirokastra funkeln, oben die Sterne.
Mit Händen und Füßen gelang es mir etwas zum Essen zu bestellen und zu verhindern, dass man mir ein schwarzes Schafsherz, was auch immer das gewesen wäre, kredenzte. Statt dessen gab es sehr leckeres Huhn, Käse, Salat und Bier und die noch recht jungen Wirtsleute setzen sich mit an meinen Minitisch, während ich aß, rauchten ganz ungeniert und tranken Kaffee. Dazu lief eine Musikselektion von Tom Waits über den Soundtrack von La Boum bis zu Gary Moore. Aber dieser eklektische Mix schien mir inzwischen genauso normal, wie der Fernseher, der sofort eingeschalten wurde, als ich zu essen bestellt hatte.
Wir unterhielten uns, soweit es ging und nach zwei Bier war ich ziemlich platt, tappte mit meiner Taschenlampe den Schotterweg zur Pension runter und legte mich schlafen. Die Stadt war eh tot. Und es war vielleicht 20 Uhr.

Gjirokastra, Albanien 2006


Dementsprechend wachte ich bei Sonnenaufgang auf und genoss die phantastische Aussicht über die Stadt. Ich hatte wunderbar umhüllt von kühler Bergluft geschlafen und sogar Hunger. Ein Novum in Albanien, meistens war ich schlaf- und appetitlos. Das Frühstück war einfach, aber sehr gut: albanischer Bergkräutertee. Ein sehr aromatisches und angeblich sehr gesundes Heißgetränk das ich kürzlich schon bei einer albanischen Bekannten mit Honig gesüßt zu trinken bekommen hatte, als ich ziemlich elende Schmerzen hatte.
Dazu Brot, bayerische Portiönchen-Butter und super selbstgemachte Feigenmarmelade.

Gjirokastra, Albanien 2006


Noch in den frühen Morgenstunden erkundete ich die Stadt. Dabei traf ich eine eine alte Frau, die sich gerade die Zehennägel mit einer Rasierklinge schnitt und dabei mit mir schwatzte.

Die Dame schneidet sich grade die Zehennägel mit einer Rasierklinge. Gjirokastra, Albanien 2006


Nach ein paar Runden beschloss ich, in einem ganz sympatisch wirkenden, unschicken Altherrencafe Postkarten zu schreiben.
Selbstverständlich kam ich bald mit dem Wirt und den beiden Herren an meinem Tisch ins Gespräch – schon allein deshalb, weil sie meine Postkarten hochnahmen und nachsahen, was ich für Motive ich versende und an wen die Karten adressiert waren.
Ich bot den Herren – beide pensionierte Lehrer – einen Kaffe an, der ältere der beiden, über 70, meinte charmant lächelnd, er bevorzuge Raki. Der Wirt brachte mir gleich einen mit.

Gjirokastra, Albanien 2006


Gjirokastra, Albanien 2006


Gjirokastra, Albanien 2006


Ein Wort zur Warenkunde: albanischer Raki hat nichts mit Ouzo oder türkischem Raki zu tun. Raki (die Betonung liegt auf -i) heißt einfach Schnaps. So auch in Serbien und Montenegro, hab ich gehört. In der Regel sind das Fruchtbrände, die in Albanien im übrigen auch von Moslems getrunken werden. Der sliwowitzige Selbstgebrannte aus den Bergen, den der Wirt aus recycelten Johnny Walker-Flaschen ausschenkte, war spitze. Mein letztes Antibiotikum hatte ich bereits genommen. Ein sehr gemütlicher Vormittag. Der Wirt des Vorabends kam dann auch noch dazu – somit war ich fast schon ein alter Bekannter und ich saß da in richtig netter Runde.
Mit dem jüngeren Pensionär, Viron, verabredete ich mich auf einen Kaffee in Saranda. Der Wirt umarmte und küsste mich zum Abschied. Bezahlen durfte ich peinlicherweise nur einen Kaffee für 30 Cent.

Gjirokastra, Albanien 2006


Nach ein bisschen Souvenir-Shopping führte mich eine putzige Omi, die ich nach dem Weg gefragt hatte, zum Postamt. Der sehr freundliche Postbeamte trug eine altmodische, runde Brille mit Sprung in einem der Gläser und sprach das wunderbare Italienisch eines literarisch gebildeten Menschen. Er leckte vor meinen Augen jede der albanischen Tom & Jerry -Briefmarken persönlich mit der Zunge an und beklebte die Karten. Er riet mir die öffentlichen Briefkästen nicht zu benutzen. Auf meine Frage, warum, antwortete er nach kurzem Stocken: “Die funktionieren nicht.” Da wollte ich nicht weiter nachfragen.

Hinter den Bergen…(Albanien XI)

Das Leben ist eine Baustelle, Elbasan, Albanien 2006


Mein nächster Tagesausflug sollte nach Elbasan gehen, eine Stunde Fahrzeit über die Berge, die hinter Tirana aufragen.
Nun beginnt für einen ahnungslosen Mitteleuropäer wie mich, der in Albanien von A nach B will, das Abenteuer schon, sobald er aus der Tür tritt: ich versuchte herauszufinden, wo der Furgon nach Elbasan abfuhr. Einem Rat des derzeit aktuellsten Reiseführers folgend, des schön anzusehenden, leicht zu lesenden, aber so gut wie immer völlig nutzlosen Lonely Planet, marschierte ich erstmal zum Stadion. Das war gar nicht weit weg und die Lonely Planet Redaktion behauptete schließlich, ich würde da ein Sammeltaxi finden.

Nicht nur in Albanien würde es zu unnötigen Frustrationen oder Schlimmerem führen, verließe man sich unhinterfragt auf Fahrpläne, Wegweiser, einzelne Auskünfte vertrauenswürdiger Personen oder gar auf den Lonely Planet.
Meine in jahrelangen Feldversuchen ausgefeilte Technik für diese Fälle besteht darin, eine Reihe von glaubwürdigen Leuten nach der nämlichen Auskunft zu fragen und dann, nach verschiedenen, streng geheimen Wahrscheinlichkeits- und Glaubwürdigkeitskoeffizienten, verbunden mit etwas freiem Assoziieren, die richtige Antwort zu kalkulieren.
Ich befragte auf dem Weg zum Stadion einen Polizisten, zwei wissend aussehenden Typen im Cafe in der Nähe des Stadions sowie den Barbesitzer und erhielt drei verschiedene Antworten. Alle 4 waren sich der Richtigkeit ihrer Angaben völlig sicher, keiner war der Meinung der aktuellen Auflage des Lonely Planet. Da das Stadion nur noch 200 m weiter war, lief ich in Gottes Namen rüber und fragte einen dort wartenden Furgonfahrer, der mir eine vierte, diametral verschiedene Antwort gab.
Mein Kalkül kam zu dem korrekten Ergebnis: Polizei und Lonely Planet: je 0 Punkte; 2 Typen im Cafe und Barbesitzer: je 3 Punkte, Furgonfahrer: 5 Punkte.
Der Polizist hätte mich mit dem Brustton der Überzeugung auf einen langen Fußmarsch ans falsche Ende der Stadt geschickt. Aber glücklicherweise glaubte ich ihm gar nicht, dem Barbesitzer wenig, den beiden Typen ein bisschen und dem Furgonfahrer ziemlich;
letztlich musste ich dann knapp 10 Minuten bis hinters Enver Hoxha Mausoleum latschen, wo die Göttin Tyche mich um Sekunden noch auf einen Furgon aufspringen ließ, der eben nach Elbasan losfuhr.

Werkstatt, Elbasan, Albanien 2006


Ja, es geht anders zu in Albanien und man überrascht sich manchmal dabei, wie schnell man sich daran gewöhnt.

Kennt ihr die kleinen Verbots-Aufkleber, die an jeder Zapfsäule angebracht sind?
Motor abstellen – Mobiltelefon ausschalten – Rauchen verboten!
Die gibt’s in Albanien auch.
Wie, um mich mit einem exemplarischen Erlebnis zu bereichern, fuhr unser Minibus in eine Tankstelle ein, der Fahrer gab dem Tankwart 3000 Lek und begann mit dem Händi zu telefonieren. Der Tankwart rauchte beim Betanken nonchalant seine Zigarette und die ganze Zeit lief der Motor des Fahrzeugs weiter. Keine Ahnung, ob’s mir einzeln noch aufgefallen wäre – aber das volle Programm fand ich schon beeindruckend.
An der Zapfsäule klebte übrigens besagter Aufkleber. Das ist anscheinend Vorschrift.

Außerdem war wohl Schlachttag, zumindest sah ich von meinem Logenplatz am Fenster des Furgon aus mehrere Massaker am Straßenrand, an denen Peter Jackson seine Freude gehabt hätte. Mir kribbelte es im leeren Bauch, als ich en passant mit ansehen musste, wie der eines Rinds aufgeschlitzt wurde.
Die Strecke nach Elbasan sorgte dann dafür, dass es gut weiterkribbelte. Wieder eine spektakuläre Fahrt. Die schlimmste bisher.
Nicht, dass die Fahrten aufregender als die Aufenthalte meiner Reise gewesen wären, aber es gab so viel so schnell zu sehen – und leider machte es überhaupt gar keinen Sinn, auch nur zu versuchen, diese tollen Bilder zu fotografieren. Naja, nicht ganz, zum Glück.

Der Pass nach Tirana, Elbasan, Albanien 2006


Die offenkundige Lebensgefahr, der man sich aussetzt, lässt sofort eine intime Leidensgemeinschaft unter den Reisenden entstehen. Man ist auf Vollkontakt mit den Leuten (im wahrsten Sinn des Wortes) und von der ersten Sekunde an auf Adrenalin.
Besonders auf dem Weg nach Elbasan. Die Entfernung ist kurz genug, dass die Fahrer die Strecke mehrmals am Tag schaffen und das bedeutet, je schneller sie fahren, desto mehr Geld können sie verdienen. Gefahren wird also wie der Teufel, inklusive Überholmanöver in uneinsehbaren Kurven und alles in uralten, wenig Vertrauen erweckenden Kisten. Dafür endschädigt die Schönheit der Landschaft. Man möchte sofort aussteigen und laufen – nicht nur wegen des todesmutigen Fahrstils und dem Kribbeln im Bauch.

Die Straße huckelt und kurft erst einen sehr steilen Pass hoch, bis man nur noch Himmel sieht und führt dann knapp unter dem Kamm dieses höchsten Berges entlang.
Gut, dass die Frau mit dem empfindlichen Magen von der Fahrt nach Kruja nicht an Bord war. Auch die schienbeinhohe, sehr lückenhafte Fahrbahnbegrenzung machte keinen sehr beruhigenden Eindruck: der Zement der niedrigen Bögen war so morsch, dass viele bereits weggebröckelt waren.
Irgendwann kam dann eine Stelle, wo ich beinahe das Atmen vergessen hätte: die Straße kletterte noch weiter nach oben und verlief dann ganz oben auf dem Bergkamm und bot links und rechts völlig freie Sicht!
Wenn man dort oben angekommen war und aus dem Fenster schaute, kam man sich vor wie im Flugzeug: soweit das Auge reichte, sah man nur Berge, Berge, Berge, weit hinten am Horizont auch einige Gipfel mit Puderzucker oben drauf. Der Blick nach unten war beeindruckend. Da ging’s gleich ein paar hundert Meter steil runter. Da unten lagen einsame Spielzeug-Bauernhäuser und Terrassenfelder, Viehherden und Hirten. Keine Straßen. Ich fragte mich, wie man da wohl hinkommt. Wahrscheinlich nur zu Fuß und mit Lasttieren.

Metallurigisches Kombinat, Elbasan, Albanien 2006


Irgendwann, nach einer knappen Stunde Achterbahn, tauchte hinter einem der Berge das Shkumbinit-Tal auf, in dem Elbasan liegt.
Vor der Stadt liegt das riesige, größtenteils abgewickelte Metallurgische Kombinat, das die gleiche rostige Farbe wie die Erde hat. Um diese Industrieruine zu sehen und zu fotografieren war ich hergekommen. Den Tipp hatte mir im Jazzclub Take Five am Abend vorher Lårs, ein schwedischer Ökonom gegeben. Er meinte die Anlage wäre nicht nur ein ökologisches Katastrophengebiet, sondern wirklich beeindruckend und sehenswert. Also nichts wie hin.

Disko, Elbasan, Albanien 2006


Gäbe es Touristen in Albanien, kämen sie wohl kaum in diese runtergekommene Industriestadt, zumal der Lonely Planet, den ich heute ja eh auf dem Kicker habe, ihre Existenz völlig verschweigt. Zu unrecht, kann ich sagen. In Elbasan scheint die Zeit viel mehr stehen geblieben zu sein, als woanders in Albanien.
Wir eierten den Berg runter ins Tal und fuhren an dem monströsen Stahlwerk vorbei in die Stadt. Über der Straße hingen rostende Loren der Erzseilbahn.
Zunächst wollte ich mir das Stadtzentrum ansehen und dann am Nachmittag den Berg hochlaufen, um das Kombinat von oben zu fotografieren, wenn die Sonne tief stand.
Das war zumindest der Plan, an den ich mich natürlich nicht halten würde.

Kutsche, Elbasan, Albanien 2006


Erstmal lief ich den Korso der Stadt runter und ließ mich – in meiner Rolle als Tourist- angaffen wie ein Mondkalb. Daran hatte ich mich ja schon gewöhnt und es ist ja nur fair. Ich tue in Gegenrichtung ja nichts anderes. Die Hauptstraße war gesäumt mit einer Menge generisch-sozialistischer Plattenbauten für die Stahlarbeiter und zeichnete sich durch sehr wenig Autoverkehr, aber viele auf und abklappernde Pferdefuhrwerke aus. Mittendrin war ein sehr schöner Lebensmittelmarkt.
Die Leute schienen mir ganz anders in Elbasan, viel reservierter als in Tirana und kein bisschen so wahnsinnig wie in Shkoder. Aber bestimmt nicht sympatischer – eher misstrauisch. In der Stadt schien der Hund begraben. Ich marschierte den Boulevard bis zum Ende, wo das ganz putzige Fußballstadion steht. Darin befindet sich ein Cafe mit einer schönen Terrasse, von der man über die ganze Magistrale zurückblicken konnte. Dort trank ich erstmal einen Kaffee in der Sonne. Die sehr nette Wirtin schloss mir die Tür zum Stadion auf und ich mache ein paar Bilder von der Tribüne mit den schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Hier im Tal standen dagegen Palmen.

Elbasan, Albanien 2006


Ich ging dann weiter streng nach der Strategie des vorsätzlichen Verirrens vor und meanderte in einen lustigen Sputnik Park mit netten Vollbetonbänken und einer Minigolfanlage.

Im Park, Elbasan, Albanien 2006


Der Tierfreund in mir stellte gleich fest: auch in Elbasan hatte man sich des Themas “Nutztiere im öffentlichen Raum” angenommen. Während mich am Vortag die Begegnung mit Ferkeln mitten in der Stadt auf der Straße verwirrt hatte, muss ich sagen, dass mich die Hammel, die hier zur Rasenpflege eingesetzt wurden, restlos überzeugten. Ökonomisch, ökologisch und ästhetisch vorbildhaft.

Ich verließ den Park und es verschlug mir schon wieder den Atem – dabei war die Luft hier so viel besser als in Tirana: ich stand plötzlich in einem Altkleidermarkt wo Roma auf unzähligen Tischen riesige Haufen Klamotten und Schuhe anboten. SSV auf Albanisch? Überall standen und fuhren Pferdefuhrwerke. Surreal.

Kleidermarkt, Elbasan, Albanien 2006


Ein paar Schritte weiter kam noch so ein Markt in einem ummauerten Grundstück. Ich knipste ein paar Bilder, als mich über den halben Platz ein grobschlächtiger, breiter Typ in schwarzer Lederjacke auf Albanisch anbrüllte. Ich ging rüber und fragte ihn, was er wollte. Er schien ganz überrascht, einem Ausländer zu begegnen und beruhigte sich wieder etwas. Dann wär’s ok, meinte er. Aber verschwinden solle ich trotzdem.

Ummauertes Grundstück in der Altstadt,Elbasan, Albanien 2006


Eigentlich wollte ich mich auch auf den Weg den Berg rauf machen, da entdeckte ich, dass es in Elbasan auch eine römisch-byzantinisch-osmanische (was noch…?) Altstadt gibt. Die stellte sich als wahrer Irrgarten heraus. Innerhalb der alten römischen Mauern waren lauter wiederum ummauerte, märchenhafte Anwesen, uralte Straßen, Kirchen, Moscheen. Was für eine Überraschung! Irgendwann fand ich sogar wieder raus. Besonders freundlich ging’s dort aber wirklich nicht zu: zwei kleine Jungs warfen wenig zielsicher mit Steinen nach mir.

Dann schlenderte ich noch weiter durch die Stadt und beschloss, doch ein Taxi auf den Berg zu nehmen, da die Sonne schon ziemlich tief stand und der Fußweg sehr, sehr weit.

Alte Frau und Kieslaster, Elbasan, Albanien 2006


Es gab allerdings keinen einzigen Taxifahrer mit Fremdsprachenkenntnissen in dieser Stadt. Ich stand mit einem halben Dutzend Fahrern rum, die mich milde lächelnd wie einen Demenz-Patienten ansahen, während ich versuchte, ihnen mit Hilfe des Wörterbuches meinen Plan klarzumachen: dass ich auf den Berg rauf wollte, um das verdammte Stahlwerk zu fotografieren (Ich – Foto – Metallurgisches Kombinat – Du Taxi – Berg rauf – kosten – wieviel?), Schließlich fand ich einen netten, alten Fahrer namens Yllson, der immerhin etwas Russisch konnte, und mein Anliegen zu verstehen schien.

Yllson, Elbasan, Albanien 2006


Yllson kutschierte mich im weißen Benz Diesel die Serpentinen hoch und das Kombinat lag in wunderbar goldenem Seitenlicht.
Aber noch viel schöner war eine alte Hirtin, und ihre sehr anmutige Enkelin (schätz ich), die dort oben Schafe und Truthähne hüteten. Die zahnlückige Alte grüßte mich freundlich zurück. Das Mädchen sah mich, öffnet ihr Haar, dann versteckt sie sich. Ich war etwas irritiert, während ich weiter fotografierte. Wo war ich denn jetzt schon wieder gelandet? In einem Pastorale oder im Märchenland?? Die alte schien mir klarzumachen wollen, dass die Kleine schüchtern sei, lacht mich an und redet auf mich ein. Ich machte noch einige Aufnahme, die sogar ein bisschen so episch geworden sind, wie sich die Szenerie vor mir darstellte, um dann rasch und freundlich winkend vor der sich anbahnenden Zwangshochzeit zu fliehen.

Pastorale mit Metallurgischem Kombinat, Elbasan, Albanien 2006


Ich wollte eigentlich dort oben auf den Sonnenuntergang warten, aber Yllson fuhr mich wieder runter – er meinte hier oben würde ich nie einen Furgon bekommen – und da hatte er wohl recht. Die fahren ja nur los, wenn sie voll sind und auf eine weitere Nachtwanderung hatte ich ehrlich gesagt keine Lust.
Wir unterhielten uns die ganze Rückfahrt lustig weiter auf albanisch-russisch-italienisch. Haben wohl beide nicht gedacht, dass unsere begrenzten Russischkenntnisse noch mal eine Renaissance erleben würden. Besonders nett war Yllsons Pidgin-Russisch Schilderung des glorreichen Sieges der Albanischen Nationalelf über den Europameister Griechenland. Was natürlich dem Europameistertitel gleichkommt. Wir amüsierten uns köstlich.

Er wollte mir auch noch unbedingt einen Kaffee ausgeben und mich in sein Haus einladen. Ich erkläre, dass ich nach Tirana zurück müsse. Gab ihm dick Trinkgeld, dem Guten. Er musste herzlich lachen, als er den Tausender in der Hand hielt, den er für diese verrückte Fahrt von diesem offensichtlich verrückten Deutschen bekommen hatte und gab mir mit großzügiger Geste 200 zurück. “Die brauchst du noch für den Furgon nach Tirana!” machte er mir verstehen und setzte mich direkt vor meinem Minibus für die Rückreise ab und umarmte mich.

Tür in der Altstadt, Elbasan, Albanien 2006Ummauertes Grundstück in der Altstadt,Elbasan, Albanien 2006Katze in der Altstadt, Elbasan, Albanien 2006Straßenbautheater, Elbasan, Albanien 2006Werkstatt, Elbasan, Albanien 2006Baustelle, Elbasan, Albanien 2006Alte Frau und Kieslaster, Elbasan, Albanien 2006Metallurigisches Kombinat, Elbasan, Albanien 2006Yllson, Elbasan, Albanien 2006Pferdefuhrwerk vorm Stadion, Elbasan, Albanien 2006Im Park, Elbasan, Albanien 2006Kleidermarkt, Elbasan, Albanien 2006Kutsche, Elbasan, Albanien 2006Kutsche, Elbasan, Albanien 2006Mittagsschlaf, Elbasan, Albanien 2006

Auf der Heimfahrt saß ich neben einer unmöglich aufgebretzelten jungen Dame Anfang Zwanzig. Ich gebe zu, dass ich erstmal vermutete, dass sie eine Prostituierte sein müsste… In Wirklichkeit war sie eine sehr netten Studentin mit zweifelhaftem Kleider- und Musikgeschmack, blonder Dauerwelle und eindeutig zu viel Make-up und dem schönen Namen Ersida, deren Telefon auf der Fahrt mindestens 20 mal klingelte und mindestens 18 mal von ihr weggedrückt wurde. Sie hatte diese superdirekte Tirana-art, dich alles Denk- und Undenkbare zu fragen. Wir unterhielten uns ganz prima auf Italienisch, während der Bus die rotglühenden Berge hochkreiselte und den Sonnenuntergang noch ein klein bisschen verlängerte. Ich fand es zum Heulen, dass mir garantiert kein brauchbares Bild von den im violetten Dunst versinkenden Bergrücken gelingen würde. Musste trotzdem ein paar mal durch das Fenster des wild schaukelnden Furgon draufhalten. Pathologischer Auslösereflex.

Später gings wieder mal auf eine Diplomatenfeier, sogar auf eine gute. Da erfuhr ich, dass Lora und ich in einem von zwei Gebäuden in Tirana leben, die eine eigene Stromversorgung haben. Im anderen Diplomaten-Compound mit Notstrom war nämlich die Feier, in einer schön dekadenten Wohnung im 13. Stock, mit super Panoramafenster-Aussicht auf die Stadt und eiswürfelspuckendem Ami-Kühlschrank. Dummerweise kocht der das Wasser vorher nicht ab. Sonst könnte man die sogar in den Drink werfen.

Das Fußballstadion von Elbasan, Albanien 2006Park, Elbasan, Albanien 2006Kleidermarkt, Elbasan, Albanien 2006Disko, Elbasan, Albanien 2006Elbasan, Albanien 2006Totem, Elbasan, Albanien 2006Elbasan, Albanien 2006Elbasan, Albanien 2006Pastorale mit Metallurgischem Kombinat, Elbasan, Albanien 2006Der Pass nach Tirana, Elbasan, Albanien 2006Das Leben ist eine Baustelle, Elbasan, Albanien 2006

shic-shic Gjermane (Albanien X)

Die Deutsche Nationalmanschaft, Tirana, Albanien 2006


Ich hab ja schon öfters von Erlebnissen mit aggressiv-germanophilen Ausländern geschrieben. Und auch sehr viele Albaner lieben Deutschland mehr als ich freundlich nicken kann. Sie sind aber ganz andere Deutschlandfans als manche Italiener, die ich kenne, die einen dann über ihre Liebe für die deutsche Romantik, Kant, Habermas oder Wim Wenders – und natürlich auch über ihre Porsches, Mercedes, Leicas und Miele vollsülzen.

Albanien ist das Land, wo noch mehr Deutschlandflaggen rumhängen, als in der post-WM BRD. Auch mehr vergammelnde übrigens.
Anscheinend ist es immer ganz wichtig, egal in welcher Branche, irgendwo eine schwarz-rot-goldene Flagge flattern zu haben – wenn man nicht eh irgendwas mit Deutschland (oder Euro) im Namen trägt.

Besonders mag ich die shic-shic-Gjermani Bekleidungskette: das sind 2nd-Hand-Läden, die es überall in Tirana gab. Da werden die Albaner mit unseren abgelegten Klamotten, Seppl-Hüten und Diddl-Mäusen beglückt. Die Bemalung und Leuchtreklame ist in schwarz-rot-gold gehalten und jeder Laden ist nach einer anderen deutschen Stadt benannt. Zum Beispiel shic-shic Ulm oder shic-shic Bonn.

Völlig überdosierter Eurotrash aber anscheinend eine erfolgreiche Geschäftsidee.

shic-shic- Gjermane, Tirana, Albanien 2006


“Ein Laden, der Werbung damit macht, deutsche Kleidung zu verkaufen!” lachte meine Gastgeberin mit perlendem Pariser Akzent und nicht ganz ohne Spitze: “Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in Frankreich funktionieren würde.”

In Albanien kein Problem. Ich kann es mir auch nicht wirklich erklären. Ist mit Leichtigkeit das deutsch-freundlichste Land, in dem ich je war. Und das ganz ohne Hitlergrüße von Schulkindern, schulterklopfend reingewürgten Antisemitismus oder Kriegsgeschichten im Stehcafé.
Dabei hätte ich gerne mehr über die deutsch-italienische Besatzungszeit und die Partisanen erfahren. Das Andenken ist aber anscheinend unter den Trümmern des Kommunismus verschüttet und nicht mehr staatstragend – bis auf den Fußballclub Partizan Tirana natürlich. Die Partisanen sind wohl zu sehr mit der Person Enver Hoxhas verbunden, der, wie sein Intimfeind Tito in Jugoslawien, ihr Führer in Albanien war.

Aber es kommt ja immer, wie’s kommen soll und in Berat platzte ich in ein Partisanen-Vetranen-Treffen. Das war unten in dem Hotel, in das ich gerade eingecheckt war. Ich hatte schon beim Reingehen und Auspacken gehört, dass im Restaurant ein Männerchor wunderschöne, traurige Lieder sang.
Also ging ich runter um einen Kaffee zu trinken. Der netten Wirtin wars, glaub ich, erstmal leicht unangenehm, dass ich dabeisaß und den inbrünstigen Gesängen lauschte.

Im Raum stand eine sehr lange Tafel, an der vielleicht 40 alte Herren im Anzug, die meisten mit Hüten, viele mit Orden saßen und eine Vereinssitzung, eine Ehrung oder einen Leichenschmaus abhielten – ich weiß es nicht.

Jedenfalls sangen sie wunderbare Lieder und waren schon ziemlich besoffen, die Wirtin kicherte leicht hysterisch. Sie beruhigte sich dann etwas, als die Männer mich anlachten, mir aufmunternd zunickten und Bier bestellten und brachte mir sogar ein paar leckere Köfte zum Essen. Die Veteranen sangen ein letztes Lied aus voller Kehle und mir vibrierte die Magengrube.
Als die Männer aufstanden und gingen, schüttelte ich viele Hände und wurde auf die Schultern geklopft. Ich hatte irgendwas richtig gemacht. Vielleicht einfach nur zugehört. Und war für sie mindestens genauso exotisch wie sie für mich.

Ein gepflegter älterer Herr mit gütigen Augen blieb bei mir stehen und wir unterhielten uns eine Weile auf Pidgin-Russisch. Er erzählte, dass er damals im Krieg gegen die Deutschen gekämpft hat. Das sei lange her und er glücklich, dass wir jetzt Freunde wären.

Ich war sehr gerührt von dieser Begegnung und keine halbe Stunde später stand ich alleine vor dem Partisanendenkmal Berats, auf das ich zufällig zielstrebig zugelaufen war. Mir fiel mir auf, wie wenig dieses kalte realistisch-sozialistische Memorialkulturerzeugnis der albanischen Zementindustrie auf dem Berg mit den singenden Männern unten in der Stadt zu tun hatte.

Schlafender Hund mit Mercedes und Partisanendenkmal, Berat, Albanien 2006


Glücklicherweise funktionierte die automatische albanische Dekonstruktion alles Erhabenen und Pathetischen auch an diesem Nachmittag zu meiner vollsten Zufriedenheit: vor dem Monument parkte ein reisiggedeckter Mercedes Diesel, davor hatte sich ein Straßenhund faul in den sonnengeheizten Staub gelegt. Während ich die Szene fotografierte, fuhr ein weiterer Benz mit grinsenden orthodoxen Popen vorbei.

Deutschland ist wunder-wunderschön,

wusste Samir, eine Furgonbekanntscaft, der sonst über keinerlei Fremdsprachenkenntnisse verfügte und noch nie aus Albanien draußen war. Das ist ein Gemeinplatz. Allenthalben wird man potentiell als Super-Wessi gehandelt.

Viele der Albaner, die Anfang der 90er, als Kommunismus implodiert war, einfach weg-weg-weg wollten, sind in Deutschland gelandet.
Eigentlich überraschend, dass die anscheinend viel Positives über Deutschland zu erzählen hatten.

Ich erinnere mich noch daran, dass es in Nürnberg Ende der 90er einen Tagelöhner-Strich gab – wahrscheinlich gibt’s den immer noch. Da standen sehr viele illegale Albaner rum, die man früh um sechs zum Discount-Preis eben mal für die anstrengendsten und schmutzigsten Arbeiten einsammeln konnte. Kein Ponyhof, das.

An der BRD als Station der Selbstausbeutungs-Grande-Tour, die viele junge Albaner in den 90ern durch Europa führte, kann es also nicht unbedingt liegen – obwohl mir alle, die in Deutschland waren, versicherten, dass sie es supertoll gefunden hätten.
Ich gewann allerdings auch den Eindruck, etwas Unangenehmes hätte man mir eh nicht erzählt, dazu sind sie zu höflich.

Ich glaube, die Albaner finden in Deutschland eine Projektionsfläche für Utopien einer Lebenswirklichkeit, in der alles funktioniert und sinnvoll geregelt ist, nicht gekleckert, sondern geklotzt und nicht gepfuscht sondern geplant wird. Wo hypermoderne Züge und Busse auf die Minute pünktlich sind (das ist eine Legende, die man im Ausland oft hört; ich widerspreche da nicht mehr, macht nur Ärger) und dank einer übermenschlichen Arbeitsethik alle dick Kohle und tolle Jobs haben.
Da wollen die hin, was die Romantiker unter meinen Lesern wieder bedauerlich finden werden.
Aber du, lieber zukunftspessimistischer Romantiker, lebst auch nicht in einem erstaunlich vormodernen Land, das vom Feudalismus direkt zum Stalinismus sprang, das jetzt irre Entwicklungsschübe in eine ungewisse Zukunft macht und wo der Müll auf der Straße verbrannt wird.

Italien glaubte man ja schon zu Hoxha-Zeiten aus dem Fernsehen zu kennen. Da wollten Anfang der 90er alle hin und die Albaner versuchen immer noch kompulsiv alles nachzumachen, was es in Italien gibt. Aber Deutschland ist nochmal was anderes, ist weiter weg und ist der echte, unmediterrane Westen, wo mit großer Ernsthaftigkeit goldene Nägel mit Köpfen gemacht werden. Und das finden die Südeuropäer ja oft enorm bewundernswert und ein bisschen unheimlich – sie kommen sich dann vielleicht ähnlich vor, wie Mitteleuropäer Japanern gegenüber.

Albanischer Deutschlandadler und Müllabfuhr, Tirana, Albanien 2006


Das hat sehr viel mit der Bewunderung für deutsche Produkte zu tun: die Albaner sind sehr gute Handwerker und wissen Qualität zu schätzen. Die Straßen sind voll von unverwüstlichen Mercedes Diesel aus den 80ern. Bei Gebrauchtwagenhändlern wurden die angebotenen Wagen – quasi als Qualitätssiegel – mit amtlichen deutschen Nummernschildern versehen ausgestellt. Gleichzeitig wähnte ich mich manchmal in einem Industriemuseum, wo im Westen abgeschriebene Maschinen und geflickte Ausrüstung vom Bagger bis zur Pommesbude im Einsatz waren, die mir immer wieder Flashbacks meiner Kindheit bescherten.

Tausende von Lieferwagen aus ganz Deutschland waren überall auf den Straßen unterwegs. Das trägt nur zum permanenten Verfremdungseffekt bei: die Mühe, die deutschen Werbe-Beklebungen oder Lackierungen zu entfernen, macht sich niemand. Im Gegenteil: ich hege den schweren Verdacht, dass man das ganz cool findet, im Ex-VW-Bus eines Freiburger Schreiners oder mit dem Ex-Kühlwagen der Neumarkter Lammsbräu über die Pisten zu schaukeln.
Die Stadtbusse sind meistens von deutschen (und italienischen) Kommunen ausgemusterte Exemplare. Natürlich hat man die Endhaltestelle auf der Anzeigetafel nicht geändert. Da behauptet ein Stadtbus in Berat nach “Bergamo” zu fahren. In Tirana will einer zum “Freibad” oder macht eine “Sonderfahrt”.

Sonderfahrt, Tirana, Albanien 2006


… oder jeder albanische Busfahrer sucht sich beim Schichtwechsel was neues Exotisches raus. Fahr ich heute nach “Rathaus” oder nach “Stadthalle”?

Furgon in Stereo

Zu den epischen Bildern und Schüttelgeschichten hab ich jetzt auch noch meine Tonaufnahmen wiederentdeckt.
Kann’s selbst kaum glauben, was ich da aufgenommen hab.
Wimmerne Achsschenkel, Hupen heulende Motoren und die albanischen Sommerhits 2006. Ich hab das nicht montiert, auch wenn’s so klingt.
Außerdem zwei Muezzins. Der in Tirana am Skanderbegplatz und der hauchzarte in Gjirokastra.

Andere Baustelle: Durëssi (Albanien VII)

Heldenmonument, Durëssi, Albanien 2006


Nach einem fiebrig-verpennten Mittwoch inclusive Putzfrau erschrecken wollte ich dann trotz heftiger Schmerzen unbedingt raus. Meine Blasenentzündung war inzwischen nicht mehr zu ignorieren und an Aktionen, wie die Bahn nach Pogradeci an den Ohrid-See zu nehmen, war nicht zu denken. Die Strecke soll ganz toll sein, aber der Zug ist in katastrophalem Zustand, praktisch entkernt und braucht für die 150km einfach über 7 Stunden…
Zuhause hielt ich es aber überhaupt nicht mehr aus.
Also unternahm ich einen soften Ausflug ans Meer nach Durëssi. Glücklicherweise scheint es in Albanien unmöglich, eine langweilige Fahrt ins Blaue zu unternehmen. Auf jeder Fahrt gibt’s was zu sehen und natürlich habe ich wieder nette Bekanntschaften im Minibus geschlossen. Das Mädchen, das neben mir im Bus saß, brüllte immer wieder kurze Zusammenfassungen unserer Konversation zu ihrer Freundin hinten im Bus und die beiden und ihr Freund wollten mich dann gar nicht mehr gehen lassen, nachdem wir zusammen Kaffeetrinken waren.

Angler, Durëssi, Albanien 2006


Ich bin an den Strand geflohen – glücklicherweise hatten die einen Termin in Durëssi aber sie haben mich in den nächsten Tagen noch ein mehrmals angerufen. Mit meiner schmerzhaften Frauenkrankheit war meine Libido allerdings so ziemlich bei Null… ich war froh, mich auf den Beinen halten zu können.

Durëssi ist der größte Hafen Albaniens und wie Tirana eine Riesenbaustelle. In der Makrosicht kommt’s mir vor wie in einer Computersimulation, wie Sim-City. Diese Dynamik. Zieh ein Stück Autobahn vom Hafen nach Tirana und links und rechts davon schießen die Wohn- und Industriegebiete wie Pilze aus dem Boden. Klong klong klong! Inzwischen hörte ich den omnipräsenten Baustellenlärm gar nicht mehr. Genausowenig wie das Geratter der Notstromaggregate. Die standen an jeder Ecke und liefen ständig. Auch in Tirana fiel der Strom öfters aus, selbst im Bonzenviertel Blloki. Sogar in unserem VIP-Compound mit Notstromaggregat. Ich habe auch öfters gehört, dass ein großer Teil der Albaner keinen Strom bezahlt. Im Norden angeblich niemand.

Neubau, Durëssi, Albanien 2006


Am nicht besonders schönen Strand hab ich mich etwas gesonnt und fotografiert. Die Albaner, die meine (wie ich meinte) unauffällige Fotografiererei beobachteten, hielten mich wieder für total bescheuert, was ich so ablichtete. Ich hatte mich dran gewöhnt. Im Gegenteil: unter der Narrenkappe ist gut Leben. Und außerdem seid ihr alle verrückt, nicht ich!

Herrentoilette, Durëssi, Albanien 2006


Die Schmerzen trieben mich dann doch in eine Apotheke. Die anmutige Apothekerin hinter dem Holztresen gab mir nach kurzer Fachberatung Vitamine, bulgarischen Erkältungstrunk und Antibiotika. Es ging nicht mehr anders.

Von meiner Balsenentzündung kamen wir recht schnell zum Privaten und unterhielten uns bestimmt eine halbe Stunde – für mich als unterkühlter Mitteleuropäer ungewöhnlich offen.
Sie war im gleichen Dilemma wie so viele junge Albanier: in den Westen gehen oder dableiben? In den letzten Jahren sind von 3,5 Millionen Albanern ungefähr eine Million ausgewandert. Das Land leidet unter einem enormen Brain-drain: alleine nach Kanada sollen 90.000 Akademiker gegangen sein.
Natscha, so hieß das schicke Mädchen, erzählte in bestem Englisch und mit hinreißendem Naturcharme, sie hätte einen super Abschluss in Pharmazie gemacht und könnte und würde ja schon gerne ins Ausland gehen. Als Einzelkind wolle sie aber nicht ihre Familie im Stich lassen. Und sie habe ja einen vergleichsweise sehr guten Job und absolut keine Lust im goldenen Westen als Putzfrau zu arbeiten. Aber in Albanien könne man keine Karriere machen. Außerdem wär’s in Albanien für Frauen nicht so liberal wie bei uns – was sie in vielerlei Hinsicht aber auch gut fände. Als ob es das normalste der Welt wäre, das einem dahergelaufenem Fremden mitzuteilen, erklärte sie mir, dass sie mit 24 noch Jungfrau sei und das total O.K. wäre.
Erneut beeindruckt von der Offenheit und Leutseeligkeit der Albaner und mit den Taschen voller Drogen verließ ich die Apotheke.

Sterbeanzeigen, Durëssi, Albanien 2006


Es wurde auch schon fast dunkel, also höchste Eisenbahn einen Furgon zurück nach Tirana zu nehmen. Nachts fahren nicht mal diese Höllenkutscher – ist zu gefährlich auf den Straßen. Beim Einsteigen fand ich 500 Lek neben dem Fahrersitz und gab sie dem Fahrer, der außen stand. Der hat erst gar nix kapiert. Als er mich verstanden hatte, meinte er, ich solle es doch behalten, wenn ich es gefunden hätte! Nach einigem hin und her – man bedenke, dass ich für die Menschen dort Krösus bin – nahm er es widerwillig an.
Er wollte mich auch nicht zahlen lassen, als ich in der Smog-Hölle von Tirana ausstieg.
Das gehört zu den erstaunlichsten Eindrücken dieser Reise: wie wahnsinnig ehrlich die Leute sind. Das komplette Gegenteil des Räuberbanden-Images, das die Albaner im Ausland genießen. Man läuft dir buchstäblich wegen 10 Cent hinterher.
Der Fahrer nahm schließlich mein Geld und bedankte sich dann auf diese wunderschöne albanische Art:
Er legte die rechte Hand auf die Brust, schaute mir lächelnd in die Augen und machte eine kleine, würdevolle Verbeugung.
So hab ich mir als Kind immer die vornehmen Sultane und Wesire aus Tausend und eine Nacht vorgestellt.

Der Hafen von Durëssi, Albanien 2006Rohbau, Durëssi, Albanien 2006Heldenmonument, Durëssi, Albanien 2006Wohnhäuser und Baustelle, Durëssi, Albanien 2006Neubau, Durëssi, Albanien 2006Held, Durëssi, Albanien 2006Seeigel?, Durëssi, Albanien 2006An der Promenade, Durëssi, Albanien 2006Luna Park, Durëssi, Albanien 2006Herrentoilette, Durëssi, Albanien 2006Entertainment Center, Durëssi, Albanien 2006Angler im Meer, Durëssi, Albanien 2006Angler, Durëssi, Albanien 2006Luna Park, Durëssi, Albanien 2006Das Archäologische Museum, Durëssi, Albanien 2006Skyline, Durëssi, Albanien 2006Römisches Theater, Durëssi, Albanien 2006Haustiere, Durëssi, Albanien 2006Sterbeanzeigen, Durëssi, Albanien 2006