Rohöl und Raki (Albanien XII)
Warum nicht mit dem Bus nach Gjirokastra in Südalbanien fahren. Also einen richtigen Bus, keinen Ford Transit. Die Reisebusse sind ähnlich antik wie die Furgons, meistens funkige alte Mercedes oder Käsbohrer mit Vorhängen an den Fenstern. War eine wunderbare Fahrt, es schaukelt etwas weniger und ist weniger eng, dafür kontemplativer als im Minibus und dauert auf diesen Straßen auch nur unwesentlich länger als im Furgon: 8 Stunden für die 260 km, ein Minibus hätte es vielleicht in 7 geschafft.
Aber was ist Zeit… Ist es nicht eh eine der schönsten Gesten beim Reisen, loszulassen und den Dingen Weile zu geben?
Erst ging’s Richtung Küste, nach Golem. Dort ist wirklich jedes Huppelchen in der Landschaft mit Bunkerstellungen gesichert. Hunderte, ja Tausende der Betonpilze sieht man auf dieser Strecke.
Dann fing es irgendwann an, immer strenger nach Petroleum zu riechen und ich dachte erst, dass was mit dem Fahrzeug nicht stimmt; seltsame Geräusche und Gerüche sind ja eher die Regel. Aber dann sah ich: wir fuhren durch die Ölfelder bei Fier. Das anmutige Flusstal über dem die schmale Straße entlanglief, war gespickt mit korrodierten, altertümlichen Fördertürmen und den klassischen Pumpen mit tiefschwarzen Rohöl-Pfützen außenrum; abenteuerliche, rostende Pipelines durchzogen die Landschaft. Wusste bis dahin überhaupt nicht, dass Albanien eine Ölindustrie besitzt. Viel kann’s nicht sein, sonst wären längst die internationalen Multis da. So rostet und sifft die chinesische und russische Ausrüstung auf dem technologischen Stand der 60er gemütlich vor sich hin.
Dieses Ölquellental, das sich stetig verbreiterte, wird mit einem pastoralen Kontrastprogramm bespielt.
Auf den Wiesen des Fusstals hüteten Hirten ihre Schaf- und Ziegenherden. Es widerstrebt mir, dieses harte Leben als malerisch zu bezeichnen, aber es sah so aus, irgendwie beneidenswert friedlich, im goldenen Morgenlicht.
Oft hockten die Schäfer auf dem Feld. Ich meine nicht sitzen. Das Hocken, als Ruheposition ist in Albanien allgegenwärtig und vielleicht sollte ich es näher erklären: in Mitteleuropa steht man, sitzt man oder liegt man. Hocken kenne ich nur aus dem Sportunterricht. Ich krieg’s auch hin, käme aber nicht auf die Idee, länger in dieser Position zu verweilen. In Albanien sieht man oft jemanden in der Hocke. Kinder, Erwachsene, Alte am Straßenrand, oder das Bodenpersonal am Mutter-Theresa Flughafen. Ob die Piloten auch hocken? Jedenfalls ist hier eine Anleitung zum Ausprobieren: die Füße stehen gerade auf dem Boden, die Brust ist an den Knien und der Hintern schwebt über dem Boden oder sitzt auf den Hacken. Die Hände sind frei.
Bei Albanern sieht das sogar bequem aus.
Ich habe in meinem Leben noch nie so viele Esel gesehen. In Albanien auf dem Land das Universaltransportmittel. Ich liebe diese schönen, stoischen Tiere. Es ist noch nie jemand auf einem Esel in den Krieg geritten, hat einmal jemand ganz klug bemerkt. Sie ziehen Wagen mit ungeheueren Mengen Steinen, mit der Ernte, Müll und Möbeln, manchmal sitzt einfach jemand im Seitensitz auf dem Holzsattel und versucht zu reiten. Meistens stehen sie angebunden auf einem Feld, mit einem altertümlichen Holzsattel auf dem Rücken, wie bestellt und nicht abgeholt.
Einmal sah ich einen Bauern, der sich abmühte, seinen Esel von der Straße zu ziehen – das Tier wollte sich aber anscheinend lieber von einem Kieslaster überrollen lassen als zu gehorchen. Im letzten Moment tat er einen Schritt an den rettenden Straßenrand
Es schien mein Schicksal zu sein – (oder mein Aftershave?) direkt hinter mir im Bus wurde wieder gekotzt. Dieses mal war es ein kleines Mädchen, dass sich immer wieder übergeben musste. Die Arme – erst war sie ganz enthusiastisch übers Busfahren gewesen, nach 10 Minuten fragte sie, was mit Gelächter quittiert wurde, ob wir schon in Gjirokastra wären, dann wurde der Kleinen das Gekurve und Gehupfe wohl doch zuviel.
Nach einem kurzen Zwischenstop an irgendwelchen Heilquellen in einem grünen Tal der kargen Berglandschaft, wo wir alle köstliches, kaltes Wasser tranken, kamen wir in der Dämmerung in Gjirokastra an.
Dass ich alle Taxifahrer abgewimmelt hatte, bereute ich zwischenzeitlich, als ich den steilen hohen Berg hinaufstieg, an dem die Altstadt klebt.
Ich hatte keine Ahnung wohin ich lief, also erkundigte ich mich beim nächsten Passanten, wo denn Dragos Haus wäre. Der Herr – und dann noch ein zweiter älterer Herr, der ortskundiger schien und bei dem der erste Herr nochmal nachgefragt hatte, führten mich hin. So geht das. Beide lehnten dankend ab, als ich sie zum Kaffeetrinken einladen wollte.
Wie gesagt, es gibt weder Straßennamen, noch Hausnummern – man muss sich durchfragen. Warum ist das nicht überall so?
Gjirokastra ist die Geburtsstadt von Diktator Enver Hoxha, der übrigens aus einer sehr wohlhabenden Familie stammte. Daher ist die Stadt baulich relativ gut in Schuss. Ich sage relativ, denn zur Zeit des Kommunismus wurde dort viel für den Denkmalschutz getan. Inzwischen sind viele Häuser eingestürzt und die ganze Altstadt, die über dem modernen Plattenbau-Gjirokastra thront, verstrahlt den Charme einer fremden, untergegangenen Welt. Um das einzuatmen, muss man keinen Roman von Ismail Kadare gelesen haben.
Man sieht fast nur alte Menschen dort. Und natürlich keinen einzigen Touristen.
Ich hatte immer noch keinen einzigen getroffen, seit ich in Albanien bin! Dabei klapperte ich hier die Hauptattraktionen ab. Ich rechnete stündlich damit, dass im Bus oder vor irgendeiner Moschee endlich mal einen abenteuerlustigen Ausländer um die Ecke bog, der bei keiner Internationalen Organisation in Albanien tätig ist. Aber es passierte einfach nicht. Das gab meiner Reise eine ganz spezielle surreale Note. Sowas hab ich noch nirgends erlebt.
An der Infrastruktur konnte es zumindest in Gjirokastra nicht liegen: meine Unterkunft glich eher einem Volkskundemuseum – das riesige osmanische Haus aus dem frühen 19. Jahrhundert war liebevoll renoviert. Erst am nächsten Tag stellte ich fest, dass ich nicht mal das schönste Zimmer bekommen hatte – die Aussicht über die Stadt war zwar episch und die Heizung auf dem neusten Stand – deshalb wurde ich wohl dort einquartiert, weil es nachts verdammt frisch war. Aber die Zimmer im ersten Stock, die ich am nächsten Morgen mal besichtigte – ich war selbstverständlich der einzige Gast – waren wunderschön: handgeschnitzte Holzdecken, wunderbare Wandschränke, Kommoden und Teppiche.
Nach dem Check-in auf Albanisch und gemischtem Euroslang bei einer aller Fremdsprachen ohnmächtigen kleinen Frau tappte ich hungrig und ziemlich erschöpft von der Reise noch ein weiteres Stück den pechschwarzen Berg hoch. Ich leuchtete mir mit einer Taschenlampe den Weg. Man will ja auf keine Viper tappen.
Der Sternenhimmel war bombastisch. Man sah die Milchstraße ganz deutlich. Fehlende Straßenbeleuchtung hat offensichtlich nicht nur Nachteile.
Dort oben war ein Restaurant, in dem ich ebenfalls der einzige Gast war. Im Kamin brannte ein halber Baum, darum blieb ich da, es war ganz schön kalt hier in den Bergen. Außerdem war die Aussicht super. Unten sah man die paar Lichter des modernen Gjirokastra funkeln, oben die Sterne.
Mit Händen und Füßen gelang es mir etwas zum Essen zu bestellen und zu verhindern, dass man mir ein schwarzes Schafsherz, was auch immer das gewesen wäre, kredenzte. Statt dessen gab es sehr leckeres Huhn, Käse, Salat und Bier und die noch recht jungen Wirtsleute setzen sich mit an meinen Minitisch, während ich aß, rauchten ganz ungeniert und tranken Kaffee. Dazu lief eine Musikselektion von Tom Waits über den Soundtrack von La Boum bis zu Gary Moore. Aber dieser eklektische Mix schien mir inzwischen genauso normal, wie der Fernseher, der sofort eingeschalten wurde, als ich zu essen bestellt hatte.
Wir unterhielten uns, soweit es ging und nach zwei Bier war ich ziemlich platt, tappte mit meiner Taschenlampe den Schotterweg zur Pension runter und legte mich schlafen. Die Stadt war eh tot. Und es war vielleicht 20 Uhr.
Dementsprechend wachte ich bei Sonnenaufgang auf und genoss die phantastische Aussicht über die Stadt. Ich hatte wunderbar umhüllt von kühler Bergluft geschlafen und sogar Hunger. Ein Novum in Albanien, meistens war ich schlaf- und appetitlos. Das Frühstück war einfach, aber sehr gut: albanischer Bergkräutertee. Ein sehr aromatisches und angeblich sehr gesundes Heißgetränk das ich kürzlich schon bei einer albanischen Bekannten mit Honig gesüßt zu trinken bekommen hatte, als ich ziemlich elende Schmerzen hatte.
Dazu Brot, bayerische Portiönchen-Butter und super selbstgemachte Feigenmarmelade.
Noch in den frühen Morgenstunden erkundete ich die Stadt. Dabei traf ich eine eine alte Frau, die sich gerade die Zehennägel mit einer Rasierklinge schnitt und dabei mit mir schwatzte.
Nach ein paar Runden beschloss ich, in einem ganz sympatisch wirkenden, unschicken Altherrencafe Postkarten zu schreiben.
Selbstverständlich kam ich bald mit dem Wirt und den beiden Herren an meinem Tisch ins Gespräch – schon allein deshalb, weil sie meine Postkarten hochnahmen und nachsahen, was ich für Motive ich versende und an wen die Karten adressiert waren.
Ich bot den Herren – beide pensionierte Lehrer – einen Kaffe an, der ältere der beiden, über 70, meinte charmant lächelnd, er bevorzuge Raki. Der Wirt brachte mir gleich einen mit.
Ein Wort zur Warenkunde: albanischer Raki hat nichts mit Ouzo oder türkischem Raki zu tun. Raki (die Betonung liegt auf -i) heißt einfach Schnaps. So auch in Serbien und Montenegro, hab ich gehört. In der Regel sind das Fruchtbrände, die in Albanien im übrigen auch von Moslems getrunken werden. Der sliwowitzige Selbstgebrannte aus den Bergen, den der Wirt aus recycelten Johnny Walker-Flaschen ausschenkte, war spitze. Mein letztes Antibiotikum hatte ich bereits genommen. Ein sehr gemütlicher Vormittag. Der Wirt des Vorabends kam dann auch noch dazu – somit war ich fast schon ein alter Bekannter und ich saß da in richtig netter Runde.
Mit dem jüngeren Pensionär, Viron, verabredete ich mich auf einen Kaffee in Saranda. Der Wirt umarmte und küsste mich zum Abschied. Bezahlen durfte ich peinlicherweise nur einen Kaffee für 30 Cent.
Nach ein bisschen Souvenir-Shopping führte mich eine putzige Omi, die ich nach dem Weg gefragt hatte, zum Postamt. Der sehr freundliche Postbeamte trug eine altmodische, runde Brille mit Sprung in einem der Gläser und sprach das wunderbare Italienisch eines literarisch gebildeten Menschen. Er leckte vor meinen Augen jede der albanischen Tom & Jerry -Briefmarken persönlich mit der Zunge an und beklebte die Karten. Er riet mir die öffentlichen Briefkästen nicht zu benutzen. Auf meine Frage, warum, antwortete er nach kurzem Stocken: “Die funktionieren nicht.” Da wollte ich nicht weiter nachfragen.
























































































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