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Author’s Choice: Planetniks in Amman und Heisenbergs Unschärferelation

Amman, Jordanien 2008


Wir kamen um halb drei Uhr morgens in Amman an.

Schlecht gelaunte, aber korrekte Grenzbeamten und ein leicht verwirrendes, mehraktiges Einreiseritual erwarteten uns. Wir sichteten die Lage und beschlossen mit dem Bus in die Innenstadt zu fahren Dort checkten wie ins Palace Hotel ein, dem Author’s Choice im Lonely Planet und laut Beschreibung bestes Haus am Platze.

Ich habe mich auf diesem Blog schon mehrmals über Lonely Planet ausgelassen und kann ihn entgegen des Eindrucks, den ich hier vielleicht vermittele, für generelle Landesinformationen, als Preisspiegel und für die Reiseplanung mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr empfehlen. Lonely Planet ist das mächtigste Vademecum der Backpacker, steuert die Ströme des Individualisten-Massentourismus – und macht die Abenteuerreise so vorhersehbar wie einen Pauschalurlaub.
Unter diesen Individualisten (den nächsten Klon mit Che Guevara T-Shirt und Bandana erschlag ich) gibt es sogar noch Exemplare, die glauben, ihre Art zu reisen wäre sanft. Trifft man immer wieder. Ich gebe mich solchen lachhaften Illusionen nicht hin und bin mir – in der Regel ohne Gewissensbisse – meines schlechten Einflusses bewusst. Denn wer sich am Ballermann zuschüttet, reist sanfter.

Amman, Jordanien 2008



Die aufgeschlossenen Geisteswissenschaftler in Funktionskleidung, die man an allen unmöglichen Orten der Welt trifft, bringen zwar Geld zu “normalen” Menschen und nicht nur zu den ausländischen Tourismus-Investoren, die vor den Eingang von Petra mal eben ein Mövenpick-Hotel knallen. Es sind aber gerade die Lonely Planetniks, die “authentische” Erlebnisse fordern, die sie aus GEO, Discovery Channel oder eben Lonely Planet kennen, und diese in leicht konsumierbarer Form erwarten. All diese schönen Dinge hören dann schlimmstenfalls auf zu existieren, werden eine Industrie. Das finde ich ganz legitim – die Leute sollen ja auch von irgendwas leben und was davon haben, wenn sie von einer Armee Gutmenschen überfallen werden, die den Einheimischen die Preise kaputtmachen.
Mit den heißen Tipps und vor allem den Hotel- und Restaurantempfehlungen im Lonely Planet ist es allerdings wie in Heisenbergs Unschärferelation: mag sein, dass der Ist-Zustand mal so war. Aber es stimmt nicht mehr, sobald es in dem Buch steht, das wirklich jeder Individualreisende, egal welcher Nationalität, im Gepäck hat. Typischerweise geht nach dem Ritterschlag durch Lonely Planet der Preis eines Etablissements steil nach oben, der Laden den Bach runter.
In Wadi Musa inspizierte ich mit einem kanadischen Traveller ein halbes Dutzend Hotels, bis wir uns für das erste entschieden (das nicht im Lonely Planet war). Von allen, die wir sahen, waren die empfohlenen die ekligsten und teuersten. Im Budgetbereich ist das oft so, die lassen sich die vermeintliche Vorhersehbarkeit, ein Lonely Planet-Hotel zu sein, teuer bezahlen. Ich warte immer noch auf die Lonely Planet-Plakette an der Tür solch eines Schuppens. Bei teuereren Läden sind die Angaben meistens brauchbarer – die sind immuner dagegen, weil sie nicht in dem Umfang von der Lonely Planet Crowd frequentiert werden. Im Palace Hotel betrug der Anteil an Planetniks sichere 100%, die ebenso sicher wie wir, den Author’s Choice für Amman gelesen hatten:

Definitely the best budget and lower midrange in the area. There’s a wide variety of rooms from midrange options with satellite TV to cheaper rooms with (spotless) shared bathrooms. All rooms are very clean and some have balconies. […]

Bis auf die Aussage, dass manche Zimmer Balkon haben, stimmt nichts davon. Das Hotel ist laut. Es belegt drei Etagen eines Gebäudes mit keinerlei Charme an der König Feisal Straße, einer der Hauptverkehrsadern in der engen Medina. Es ist schmutzig, die Teppichböden strotzten vor Dreck, die Möbel im Zimmer sind voller Staub und sehen aus wie vom Flohmarkt. Das Bad unseres Zimmers war alt, verkrustet, aber leidig sauber, die Betten ok.
Wir blieben und akzeptierten die knapp 60%ige Preissteigerung seit der letzten Auflage des Lonely Planet. Elf Euro pro Nase sind immer noch Peanuts und wir waren müde, indifferent und wagten uns nicht vorzustellen, wie die Unterkünfte aussehen, in denen man ein Doppelzimmer für fünf Euro/Dinar bekommt.

Morgenstimmung, Amman, Jordanien 2008



Auf der Webseite des Hotels wurde gar verheißungsvoll “a touch of luxury” versprochen. Wie mann’s nimmt: der Fernseher rauschte, die Steckdosen waren besorgniserregend locker und spratzelten. In den nie gewaschenen, siffigen Tagesdecken waren Dutzende Brandlöcher. Die Zahlen auf den Tasten des Aufzugs stimmten nicht mit den Stockwerken überein. Es gab entweder Heizung (nachts) ODER Warmwasser (tagsüber), immerhin keine Selbstverständlichkeit in Amman, hörten wir. Klopapier und graugewaschene Handtücher gab es auf Anfrage an der Rezeption. Im Preis inbegriffen war die Provision des Busfahrers, der mit uns als den einzigen Fahrgästen todesmutig vom Flughafen durch die Nacht gerast war und uns bis zur Rezeption brachte. Taximafia, wie überall, aber das stellten wir erst später fest. Immerhin – die Angestellten am Empfang waren äusserst hilfreich und sympatisch. Deshalb stiegen wir bei unseren späteren Amman-Aufenthalten wieder im Palace ab. Wir hatten keine Zeit für Experimente und die Lage war zwar laut, aber zentral und kostete deutlich weniger als eine mitteleuropäische Jugendherberge, bot allerdings auch entsprechend weniger Komfort.
Die zwei lustigen Typen vom Zimmerservice sah ich nur einmal mit Kippe im Mundwinkel in einem Zimmer hantieren. Ansonsten hingen sie immer am Gang rum, spielten mit ihren Händis, rauchten und sahen Fernsehen. Beim Vorbeigehen fragten sie uns ganz jovial, ob alles ok wäre. “Klar, alles ok!” antworteten wir. Das bedeutete für die beiden, dass unser Zimmer nicht zu machen sei. Auf freundliche Aufforderung machten sie die am nächsten Tag die Zimmer, Klopapier mussten wir weiter selbst holen.
Das Frühstück bestand aus lauwarmen Tee oder ungeniesbarem Nescafe, kaltem, kartonstarkem Fladenbrot, normannischer Butter und ägyptischer Erdbeerkonfitüre. Die wird von der Firma Al Jaheed Food&Chemical Industries zusammengemischt, ist rot getönt, aber durchsichtig und schmeckt wie das 8-Bit Sample einer Erdbeere. Außerdem rollt ein hartgekochtes Frühstücksei auf dem Teller herum. Das nächste Mysterium. Zu jedem Tee bekommt man einen Eierbecher mit Zucker serviert. Die Technik, Eier hinein zu stellen, damit sie nicht wegrollen, ist allerdings noch nicht nach Arabien gelangt. Ich stelle mir eine arabische Familie in einer österreichischen Ferienpension vor. “Schaut mal!” sagt eines der Kinder “Die stellen Eier in die Zuckerbecher!”