Zu den epischen Bildern und Schüttelgeschichten hab ich jetzt auch noch meine Tonaufnahmen wiederentdeckt. Kann’s selbst kaum glauben, was ich da aufgenommen hab.
Wimmerne Achsschenkel, Hupen heulende Motoren und die albanischen Sommerhits 2006. Ich hab das nicht montiert, auch wenn’s so klingt.
Außerdem zwei Muezzins. Der in Tirana am Skanderbegplatz und der hauchzarte in Gjirokastra.
Erschreckend ruhig war es im Café Ruhestörung, als der Schlussakkord von Wreckless Eric und Amy Rigby ausklang. Bis die Zuschauer das Set der beiden ehrfürchtig bejubelten. Man merkte: auf der Bühne steht eine Legende. Der Griff in die Floskelkiste sei mir gestattet.
Ende der 70er war Wreckless Eric einer der Stars des legendären Londoner Stiff- Labels, auf dem Madness, Elvis Costello und Ian Dury veröffentlichten. Freilich ohne selbst je den großen Durchbruch zu schaffen. Fast immer kratzten seine Pop-Perlen knapp die Kurve vor der Radiotauglichkeit. Zu lang, zu nerdig, zu lo-fi. Wreckless Eric hat sich verweigert – und das ganz ohne ostentative Coolness. Für die 80er musterte ihn das untauglich. Die Musikpresse schrieb ihn als den besoffenen, kleinen Stiff-Clown ab. Seine Alben floppten.
Wreckless Eric ist eine der großen tragischen Figuren der neueren Musikgeschichte, die es nie geschafft haben, und denen ebensowenig (bisher zumindest) später Ruhm zuteil wurde. “I never had money and will never have money.” sagt der Rebell unter den Rebellen.
Der Christian war natürlich auch da. Wir waren 1991 an seinem 19. Geburtstag zusammen auf dem Wreckless Eric Konzert im Trust gewesen. Eric war überaus freundlich zu uns gewesen und hat sehr geduldig mit uns im Backstage gequatscht. Für uns war’s sensationell, mit so einem Superhelden plaudern zu können. Christian hat dem Eric wortreich seine tiefe Verehrung gestanden und ihn dann auch noch gefragt, ob es ihn nie gestört habe, so erfolglos geblieben zu sein. Die erste einer Reihe peinlicher Begegnungen mit seinem Idol. Er hofft jedes mal, dass sich Eric nicht mehr an die letzten Male erinnern kann…
Whole Wide World
When I was a young boy
My mama said to me
There’s only one girl in the world for you
And she probably lives in Tahiti
I’d go the whole wide world
I’d go the whole wide world
Just to find her
Or maybe she’s in the Bahamas
Where the Carribean sea is blue
Weeping in a tropical moonlit night
Because nobody’s told her ’bout you
I’d go the whole wide world
I’d go the whole wide world
Just to find her
I’d go the whole wide world
I’d go the whole wide world
Find out where they hide her
Why am I hanging around in the rain out here
Trying to pick up a girl
Why are my eyes filling up with these lonely tears
When there’re girls all over the world
Is she lying on a tropical beach somewhere
Underneath the tropical sun
Pining away in a heatwave there
Hoping that I won’t be long
I should be lying on that sun-soaked beach with her
Caressing her warm brown skin
And then in a year or maybe not quite
We’ll be sharing the same next of kin
Und singt sich in Rage:
I’d go the whole wide world
I’d go the whole wide world
Just to find her
I’d go the whole wide world
I’d go the whole wide world
Find out where they hide her
1977. Ja, das ist Ian Dury am Schlagzeug. “Whole wide world” begleitet Wreckless Eric fast schon sein ganzes musikalisches Leben und ist sein einziger richtiger Hit geblieben.
Erster Song, erste Single, erster Hit, Mantra.
Vielleicht auch auf Tahiti, ganz sicher aber in unseren Breitengraden würde man Wreckles Eric, der eigentlich Eric Goulden heißt, als Grantler bezeichnen.
Ein motzender, seine Zerbrechlichkeit misantropisch überspielender Romantiker. Einer der von sich und der Welt enttäuscht wurde, aber darin seine Rolle gefunden hat – und weitersucht mit einem kleinen Fünkchen Hoffnung, dass alles gut wird.
Wäre das nicht so, würde Goulden heute vielleicht einer geregelten Arbeit nachgehen. Aber er ist glücklicherweise Vagabund geblieben und gut gereift. Auf der Bühne verstrahlt der 52-jährige Eric immer noch die Aura des frühen britischen Punk beeindruckend schön und wirkt dabei brüchig und unroutiniert wie eh und je.
Zwischendurch stellte Eric Goulden die Gitarre weg und sich als Schriftsteller vor um aus aus seiner Autobiografie “A dysfunctional Success – The Wreckless Eric Manual” zu lesen. Episoden einer Chronik des wiederholten Scheiterns.
Much to my shame, Cliff Richard had covered one of my songs.
Die Geschichte seines literarischen Debüts ist in Wreckless-esker Tragikkomik Teil des Statements: er hat bei einem damals recht trendigen kleinen Verlag veröffentlicht und super Kritiken bekommen, aber der Verlag konnte das Buch nicht pushen und ist inzwischen Pleite. Er habe die Restauflage aufgekauft, erzählt er nach dem Konzert.
Dabei ist das Buch ein Knaller. Goulden, der schon seit Mitte der 90er im Internet publiziert, entpuppt sich als charmanter Erzähler, der erfreulich undistanziert die Stationen des eigenen Losertums zartbitter-komisch wiederauferstehen lässt. Dinge, die Nick Hornby nie erfinden könnte.
Ich wollte keine Showbiz-Biografie schreiben, von der Sorte, die den mühsamen Aufstieg zur Popularität beschreibt, sich durch eine mittlere, erfolgreiche Zeit arbeitet und dann den Absturz dokumeniert: in einer Sammlung greller Drogengeschichten und langweiliger Vertragsdetails, die irgendwann in eine Sammlung lahmer Anekdoten ausfranst, um zu zeigen, was für ein toller Typ ich jetzt bin. … unglucklicherweise glaube ich, genau das könntees sein, was ich getan habe…
Er beschreibt darin eine Jugend im spießigen England der 60er und 70er. Trotz beeindruckender musikalischer Inkompetenz beschließt er Popstar zu werden und liefert ein Demotape bei Stiff-Records ab, dem Artschool-Flügel der Punkbewegung, die ihn unter Vertrag nehmen. Es beginnt gut und endet böse: für die Party der späten 70er war er der richtige Mann am richtigen Ort. Im Thatcher-englischen Musikbusiness der hochglänzenden 80er geht er in einem Sumpf von Pech und Alkoholismus unter.
London was just too big for me.
Dabei präsentiert er keine der üblichen Abrechnungen mit dem Haifischbecken Musikbusiness, da wird wenig nachgetreten, eher überwiegt die Verwunderung über die eigene Naivität. Auch wenn er es sich nicht verkneifen kann, leicht angewiedert über Elvis Costello zu bemerken:
He was almost unpleasantly ambitious.
Während Arrangements und Plattenverkäufe seiner Label-Kollegen Madness, Dury, Costello und Kollegen wie Dave Stewards Eurithmics immer dicker wurden, ging Wreckless Eric, der vielleicht beste Songwriter bei Stiff, mit seinem (passend betitelten) floppenden vierten Album “Big Smash” unter. Er verfiel weiter dem Alkohol, wurde trocken, zog nach Frankreich, tingelte durch Clubs und nahm weiterhin Platten auf. Auf der Bühne ist der kleine Mann (das hört er gar nicht gerne) nach wie vor ein Naturereignis. Mit Liedern von der Poesie des Losertums peitscht er sich und das mehr oder weniger verzagt mitwippende Publikum in Ekstasen.
Neben ihm steht seit neuestem – auf der Bühne wie im Leben – die Amerikanerin Amy Rigby. Die hat fast so viele unbeachtete Platten wie Eric gemacht, ist selbst Veteranin der Punkszene – wenn auch der New Yorker um den legendären Club CBGBs und manch einem bekannt als “The Mod Houswife”. Machen sich auf jeden Fall gut.
“He is grumpy sometimes but I can see his point.” sagt sie über Eric, den keiner der Anwesenden je so gut gelaunt erlebte. Der lächelte. Auch noch, als mein Freund auf alles was er dabei hat, Autogramme will und nebenbei Amy Rigby volllabert.
Ein großartiger Abend von und mit der Knarf Rellöm Trinity. Beinahe eine Orgie! Der proppenvolle HD tobte vom ersten Takt an und noch lange nach dem letzten. Ich kann nur jedem mein Beileid aussprechen, der’s verpasst hat. Aber genug der Lobhudelei – sonst falle ich hier noch unter Fanzine-Verdacht.
Seht selbst, 1 Bild sagt ja bekanntlich mehr als 1000 Worte: move your ass and the rest will follow!
…sind alle hier, die Bilder: http://peter.dphoto.com/#/album/6528
Danach haben wir noch einen kleinen, lehrreichen Jugend forscht Ausflug in den Gostenhofer Untergrund unternommen. Ich kann einige Erkenntnissgewinne in No-Light-Fotografie konstatieren, und darüber, was darunter ist, in Gostenhof.
Im Club Stereo in Nürnberg am Freitag den 12.1. Das war ein prima Konzert von Supersoft und wieder eine nette Travestie. Ein wunderbares 70s-Porno-Soundtrack Set, hervorragende Musiker, Schnurrbärte. Hab meinen am nächsten Morgen auf dem Hosenlatz aufgeklebt gefunden. What a night!
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