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Der Clou

Friseur, Amman, Jordanien 2008


In der Warteschleife der syrischen Botschaft lief in einer Casio-Vollplastikversion “The Entertainer” von Scott Joplin. Ich sah Robert Redford in “Der Clou” vor mir und überlegte wie das wohl zum Schurkenstaat Syrien passt. Alkoholprohibition und Maschinengewehre vielleicht? Dann erklärte mir eine weibliche Botschaftsmitarbeiterin in sehr ordentlichem Englisch, dass wir auf keinen Fall ein Visum bekommen könnten. “No, it’s not possible.” So kurz und barsch, als ob sie – um ein weiteres Klischee zu bedienen – das njet-Sagen von ihren früheren russischen Freunden gelernt habe. Dabei hatten die Leute vom Hotel behauptet, mit bis zu 90%iger Sicherheit könnten wir über die Grenze gelangen – vorausgesetzt wir wären keine Amerikaner und hätten kein israelisches Visum im Pass…
“Und an der Grenze?” insistierte ich deshalb. Darüber könne sie keine Auskunft geben – “You can try – I don’t know.” Alles hing also von der Willkür der Grenzer ab. Na gut. Das klang ermutigend genug, um es zu versuchen.

Amman, Jordanien 2008


Wir waren bereits zwei Tage volle in Amman und wollten weiter.
Dabei fanden wir es eigentlich ziemlich aufregend, den ganzen Tag diese chaotische, enge Zweimillionenstadt zu durchstreifen. Aber wir ahnten, dass woanders noch aufregendere Dinge auf uns warten würden. Mir kommt es vor, als hätten wir den ersten Tag komplett bei Gewürzhändlern verbracht, die immer neue Wunder und Köstlichkeiten aus ihren Tausend und einer Schubladen zogen. Wir besichtigten nebenbei das sehr gut erhaltene, leider überrenovierte römische Theatrum, das Odeon, ein Nymphaeum, sowie zwei sehenswerte volkskundliche Sammlungen mit Beduinentrachten, etc. Wir durchstreiften den ganzen Tag die engen Basare. Wundervoll und sehr chaotisch, voller exotische Gerüche, denn es gibt nicht nur sehr viele Gewürzhändler, sondern auch unglaublich viele Läden, die Parfüms mischen.

Gewürzhändler, Amman, Jordanien 2008


Wir kamen überall ins Gespräch mit den Leuten. So ging das den ganzen Tag, zwischendurch tranken wir an zwanzig Orten zwanzig Gläser Tee und Kaffee und aßen Knafah, eine suchtigmachende, warme arabische Süßspeise mit Käse und roten Zuckerfäden drauf. Wir mussten gleich kompulsiv mit dem Shoppen beginnen. Ich kaufte mir eine jordanische Simkarte und Weihrauch, Fabio lange Unterhosen, Safran und in einer der diabolisch lecker duftenden Nussröstereien eine Tüte Erdnüsse für einen Dinar, an der wir fast bis ans Ende unserer Reise gemeinsam mit all unseren jeweiligen Mitreisenden knabberten.

Schlafender Schuster, Amman, Jordanien 2008


Abends latschten wir quer durchs moderne Diplomatenviertel, Jebel Amman, da siehts westlich und großzügiger aus, mit Absurditäten wie amerikanischen Supermärkten und teilweise recht vornehmen Neubauten. Eigentlich suchten wir ein Restaurant, ein arabisches Restaurant besser gesagt, aber trotz mehrerer Kliometer Fußmarsch fanden wir nichts. Dafür eine Druckerei, die Fabio stürmte, um sich sich mit seinen Kollegen zu verbrüdern. Der Laden war von einem palästinensischem Mitarbeiter mit gruseligen Zeitungsausschnitten und Bildern der Intifada tapeziert. Und ein taubstummer Drucker bot uns (überraschend spät, fanden wir) die erste Hitler Performance, mit Bärtchen und deutschem Gruß, als wir erzählten, wo wir herkamen. Dabei blieb es übrigens auf der ganzen Reise, vielleicht haben die Araber inzwischen rausbekommen, dass sie auch Semiten sind. Immer hin sah ich in Damaskus eine arabische Edition von “Mein Kampf” im Schaufenster eines Buchladens. Am Ende unserer Kräfte fanden wir schließlich, eigentlich gleich bei unserem Hotel, das Jerusalem Restaurant, ein gefliester Raum in grellem Neonlicht. Das Essen, Huhn, Reis, Hommus, Salat und Tee, war in Ordnung, die scharfen grünen Oliven waren ganz ausgezeichnet. Alkohol gabs nicht. Die Karte übersetzte uns ein netter Kellner mit sehr schlechten Zähnen, der perfekt portugiesisch sprach. Er kam immer wieder an den Tisch um mit uns in einem Portugiesisch-Spanisch-Italienisch-Kauderwelsch zu palawern und irgendwie klappte es. Klappt ja immer – die Leute sind sehr kommunikativ da unten und jeder scheint permanent mit jedem zu reden. Allerdings verstand unser Kellner Fabios Kompliment über arabische Frauen ziemlich falsch und empfahl uns gleich ein Bordell um die Ecke – “Nur fünf Dinar!” meinte er augenzwinkernd. Wir saßen dann doch lieber bei mehreren Gläsern Tee auf den Balkon eines ziemlich fertigen aber legendären Teehauses über der König Feysal Straße. Um uns rum spielten die arabischen Gäste – natürlich nur Männer – Backgammon oder Karten und rauchten Wasserpfeife. Wir genossen unseren Kulturschock.

Auf der Akropolis, Amman, Jordanien 2008


Nach dem super Frühstück im Palace-Hotel marschierten wir am nächsten Tag durch ein ärmliches Wohnviertel zur Zitadelle hoch. Wir verschenkten Süßigkeiten an die wegelagernden und spielenden Kinder und die größeren Jungs zeigten Fabio dafür ein zotiges Pornovideo auf ihrem Händi. Oben auf der Akropolis sind die Reste römischer, byzantinischer und noch älterer, ammonitischer Siedlungen, des biblischen Rabbat ausgegeraben worden. Aus dem Gewirr der Epochen ragt außerdem ein Omayyadenpalast und der Ort bietet eine tolle Aussicht über das hügelige Amman und eine gigantische Nationalflagge. Wir verbrachten den Rest des Tages damit, vorsätzlich planlos in der Stadt herumzustreifen. Immer wieder beeindruckt von der Aufgeschlossenheit und und Freundlichkeit der Araber. Selbst wenn sie nicht gut Englisch können, wird man so häufig auf der Straße gegrüßt, angesprochen, nach einem kurzen Gespräch oft beschenkt und eingeladen.

Amman, Jordanien 2008


Fabio ließ sich rasieren und wir besichtigten ein Dutzend Juweliere. Fabios Suche nach der perfekten Rasur und einem 21-Karat Ring mit einem schönen Lapislazuli sollte uns die ganze Reise beschäftigen. Zwischendurch platzten wir in eine Hochzeitsgesellschaft, ergötzten und gruselten uns in den Lebensmittelsouqs. Außerdem hab ich noch nie soviele Kanarienvögel und Aquaristikfachgeschäfte gesehen. Wir lernten unterwegs also wieder viele lehrreiche Dinge und nette Leute kennen und probierten auf Empfehlung eines Pferdehändlers abends ein anderes Restaurant aus, das Cairo. War besser als am Vorabend, ich hatte Fisch in Gewürzkruste, Reis, Hommus, (wieder das beste aller Zeiten). Ganz gut und sehr preiswert, der Service freundlich, aber wir saßen wieder in einem gekachelten, neonbeleuchtetem Laden voller junger Männer, der wie das abgefuckteste McDonalds Europas, ca. 1993 aussah. Es musste doch Restaurants mit Ambiente in dieser Kapitale geben? Später waren wir in einem ganz verruchten, komplett metallic-tapezierten, schmuddeligen Laden, der KitKat Bar, da gab es Alkohol und Bauchtanzvideos und ein riesiges Aktgemälde einer lasziv auf dem Divan ausgestrecken orientalischen Schönheit. Und natürlich nur Männer als Gäste.

Bäckerei, Amman, Jordanien 2008


Am nächsten Morgen um acht holt uns Fawsi unser verschlagener Fahrer auf dem Trip nach Damaskus ab. Die legendäre Hejazbahn fährt leider nicht mehr. Hat sich anscheinend nie mehr so richtig von den Anschlägen eines Lawrence of Arabia im ersten Weltkrieg erholen können. Die einstige Strecke Damskus-Medina ist eh nur in Teilstrecken erhalten. Amman-Damskus derzeit außer Betrieb. Mit dem Auto sollte der Lift dafür nur zehn Dinar (entspricht Euro) kosten. Kam uns unglaublich wenig für eine mindestens dreistündige Fahrt vor und wir waren total gespannt, ob wir über die Grenze kommen würden.
Im Auto saßen bereits zwei Irakerinnen, Enas und ihre hübsche 18jährige Tochter. Bis zur Grenze kannte ich die gesamte Familiengeschichte der sehr netten Frau. Sie waren auf Verwandschaftsbesuch in Amman gewesen und fuhren zurück nach Damaskus. 2005 war die Familie aus Bagdad gefohen und sie wollen nie wieder zurück, erzählte mir die Frau. Enas hat ihren ältesten Sohn im letzten Jahr bei einem Autounfall verloren und lachte mich trotzdem aus, als ich mich anschnallte. Sie ist Schiitin, ihr Mann Sunnit. Sie wollen nach Schweden auswandern.
Als wir nach 70km Fahrt durch die Ödnis an der Grenze ankamen, wurde so kompliziert, wie man sich die Einreise in einen echten Schurkenstaat vorstellt: erst die lasche Passkontrolle der Jordanier, dann aussteigen, Ausreisemarken kaufen, an einem anderen Schalter einkleben und abstempeln lassen. Dann im Niemandsland am schicken Duty Free aussteigen. Unser Fahrer spickte alle Hohlräume im Wagen mit Zigaretten, die Damen kauften Schweizer Schokolade und ebenfalls Zigaretten. Dann an die syrische Grenzstation. In der großen Halle anstellen, Pass abgegeben und das riesige Schild bewundern auf dem in abenteuerlicher Schreibweise (“Bolognia” ist Polen) die Visa-Preise für die verschiedenen Länder stehen. Phantasievolle Köpfe in Damaskus haben sich für jedes Land der Welt einen anderen Tarif überlegt. Die politischen Beziehungen lassen sich grob ablesen, aber eigentlich kann man kaum einen Sinn erkennen… Von gratis bis hundert Dollar. Wir lagen mit unseren Pässen im Mittelfeld. Fabio musste laut Tafel 20, ich 32$ zahlen, was ich angesichts der italienischen Nibelungentreue mit den Amis für etwas ungerecht halte. Überall flitzten Schwerbewaffnete in schlechten Uniformen rum. Ein bizarrer Ort und ein bizarres Einreiseritual: nach langem Warten, prüfenden Blicken und einigen blöden Fragen der Uniformierten (an Fabio: “Was drucken Sie?”) kriegen wir einen Zettel. Damit sollen wir zur Kasse. Wo ist die nur? Ein kleines Nebengebäude. Da werden wir abgewiesen. Nein, wir müssen in der amtlichen Wechselstube in Nebengebäude drei wechseln – die syrischen Pfund, die wir vor einer halben Stunde im Niemansland getauscht haben sind ohne Quittung wertlos. Ok, die letzten $$ zusammengekratzt. Dafür bekommen wir wieder Marken, diesmal syrische, am Schalter zwei und dürfen das ganze dann am Schalter eins abgeben und wieder warten. Aber es sieht gut aus und in der Tat dürfen wir einreisen. Willkommen in der Militärdiktatur! Die Fahrt geht weiter und mit aufgerissenen Augen saugen wir die ersten Eindrücke von Syrien auf. In der Ferne schneebedeckte Gipfel. “Syrien ist kalt.” sagt Enas.

Bäckerei, Amman, Jordanien 2008Amman, Jordanien 2008Amman, Jordanien 2008Hochzeitsgesellschaft, Amman, Jordanien 2008Gebäckverkäufer, Amman, Jordanien 2008Morgenstimmung, Amman, Jordanien 2008Schlafender Schuster, Amman, Jordanien 2008Auf der Akropolis, Amman, Jordanien 2008Zoohandlung, Amman, Jordanien 2008Friseur, Amman, Jordanien 2008Gewürzhändler, Amman, Jordanien 2008Amman, Jordanien 2008Amman, Jordanien 2008Amman, Jordanien 2008Amman, Jordanien 2008Amman, Jordanien 2008Amman, Jordanien 2008Amman, Jordanien 2008Amman, Jordanien 2008Amman, Jordanien 2008Römisches Theater, Amman, Jordanien 2008Friseur, Amman, Jordanien 2008Amman, Jordanien 2008Souq, Amman, Jordanien 2008König Feisal Straße, Amman, Jordanien 2008Amman, Jordanien 2008Fabio, Amman, Jordanien 2008Amman, Jordanien 2008Buchladen, Amman, Jordanien 2008König Hussein Moschee, Amman, Jordanien 2008Bäckerei, Amman, Jordanien 2008

Author’s Choice: Planetniks in Amman und Heisenbergs Unschärferelation

Amman, Jordanien 2008


Wir kamen um halb drei Uhr morgens in Amman an.

Schlecht gelaunte, aber korrekte Grenzbeamten und ein leicht verwirrendes, mehraktiges Einreiseritual erwarteten uns. Wir sichteten die Lage und beschlossen mit dem Bus in die Innenstadt zu fahren Dort checkten wie ins Palace Hotel ein, dem Author’s Choice im Lonely Planet und laut Beschreibung bestes Haus am Platze.

Ich habe mich auf diesem Blog schon mehrmals über Lonely Planet ausgelassen und kann ihn entgegen des Eindrucks, den ich hier vielleicht vermittele, für generelle Landesinformationen, als Preisspiegel und für die Reiseplanung mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr empfehlen. Lonely Planet ist das mächtigste Vademecum der Backpacker, steuert die Ströme des Individualisten-Massentourismus – und macht die Abenteuerreise so vorhersehbar wie einen Pauschalurlaub.
Unter diesen Individualisten (den nächsten Klon mit Che Guevara T-Shirt und Bandana erschlag ich) gibt es sogar noch Exemplare, die glauben, ihre Art zu reisen wäre sanft. Trifft man immer wieder. Ich gebe mich solchen lachhaften Illusionen nicht hin und bin mir – in der Regel ohne Gewissensbisse – meines schlechten Einflusses bewusst. Denn wer sich am Ballermann zuschüttet, reist sanfter.

Amman, Jordanien 2008



Die aufgeschlossenen Geisteswissenschaftler in Funktionskleidung, die man an allen unmöglichen Orten der Welt trifft, bringen zwar Geld zu “normalen” Menschen und nicht nur zu den ausländischen Tourismus-Investoren, die vor den Eingang von Petra mal eben ein Mövenpick-Hotel knallen. Es sind aber gerade die Lonely Planetniks, die “authentische” Erlebnisse fordern, die sie aus GEO, Discovery Channel oder eben Lonely Planet kennen, und diese in leicht konsumierbarer Form erwarten. All diese schönen Dinge hören dann schlimmstenfalls auf zu existieren, werden eine Industrie. Das finde ich ganz legitim – die Leute sollen ja auch von irgendwas leben und was davon haben, wenn sie von einer Armee Gutmenschen überfallen werden, die den Einheimischen die Preise kaputtmachen.
Mit den heißen Tipps und vor allem den Hotel- und Restaurantempfehlungen im Lonely Planet ist es allerdings wie in Heisenbergs Unschärferelation: mag sein, dass der Ist-Zustand mal so war. Aber es stimmt nicht mehr, sobald es in dem Buch steht, das wirklich jeder Individualreisende, egal welcher Nationalität, im Gepäck hat. Typischerweise geht nach dem Ritterschlag durch Lonely Planet der Preis eines Etablissements steil nach oben, der Laden den Bach runter.
In Wadi Musa inspizierte ich mit einem kanadischen Traveller ein halbes Dutzend Hotels, bis wir uns für das erste entschieden (das nicht im Lonely Planet war). Von allen, die wir sahen, waren die empfohlenen die ekligsten und teuersten. Im Budgetbereich ist das oft so, die lassen sich die vermeintliche Vorhersehbarkeit, ein Lonely Planet-Hotel zu sein, teuer bezahlen. Ich warte immer noch auf die Lonely Planet-Plakette an der Tür solch eines Schuppens. Bei teuereren Läden sind die Angaben meistens brauchbarer – die sind immuner dagegen, weil sie nicht in dem Umfang von der Lonely Planet Crowd frequentiert werden. Im Palace Hotel betrug der Anteil an Planetniks sichere 100%, die ebenso sicher wie wir, den Author’s Choice für Amman gelesen hatten:

Definitely the best budget and lower midrange in the area. There’s a wide variety of rooms from midrange options with satellite TV to cheaper rooms with (spotless) shared bathrooms. All rooms are very clean and some have balconies. […]

Bis auf die Aussage, dass manche Zimmer Balkon haben, stimmt nichts davon. Das Hotel ist laut. Es belegt drei Etagen eines Gebäudes mit keinerlei Charme an der König Feisal Straße, einer der Hauptverkehrsadern in der engen Medina. Es ist schmutzig, die Teppichböden strotzten vor Dreck, die Möbel im Zimmer sind voller Staub und sehen aus wie vom Flohmarkt. Das Bad unseres Zimmers war alt, verkrustet, aber leidig sauber, die Betten ok.
Wir blieben und akzeptierten die knapp 60%ige Preissteigerung seit der letzten Auflage des Lonely Planet. Elf Euro pro Nase sind immer noch Peanuts und wir waren müde, indifferent und wagten uns nicht vorzustellen, wie die Unterkünfte aussehen, in denen man ein Doppelzimmer für fünf Euro/Dinar bekommt.

Morgenstimmung, Amman, Jordanien 2008



Auf der Webseite des Hotels wurde gar verheißungsvoll “a touch of luxury” versprochen. Wie mann’s nimmt: der Fernseher rauschte, die Steckdosen waren besorgniserregend locker und spratzelten. In den nie gewaschenen, siffigen Tagesdecken waren Dutzende Brandlöcher. Die Zahlen auf den Tasten des Aufzugs stimmten nicht mit den Stockwerken überein. Es gab entweder Heizung (nachts) ODER Warmwasser (tagsüber), immerhin keine Selbstverständlichkeit in Amman, hörten wir. Klopapier und graugewaschene Handtücher gab es auf Anfrage an der Rezeption. Im Preis inbegriffen war die Provision des Busfahrers, der mit uns als den einzigen Fahrgästen todesmutig vom Flughafen durch die Nacht gerast war und uns bis zur Rezeption brachte. Taximafia, wie überall, aber das stellten wir erst später fest. Immerhin – die Angestellten am Empfang waren äusserst hilfreich und sympatisch. Deshalb stiegen wir bei unseren späteren Amman-Aufenthalten wieder im Palace ab. Wir hatten keine Zeit für Experimente und die Lage war zwar laut, aber zentral und kostete deutlich weniger als eine mitteleuropäische Jugendherberge, bot allerdings auch entsprechend weniger Komfort.
Die zwei lustigen Typen vom Zimmerservice sah ich nur einmal mit Kippe im Mundwinkel in einem Zimmer hantieren. Ansonsten hingen sie immer am Gang rum, spielten mit ihren Händis, rauchten und sahen Fernsehen. Beim Vorbeigehen fragten sie uns ganz jovial, ob alles ok wäre. “Klar, alles ok!” antworteten wir. Das bedeutete für die beiden, dass unser Zimmer nicht zu machen sei. Auf freundliche Aufforderung machten sie die am nächsten Tag die Zimmer, Klopapier mussten wir weiter selbst holen.
Das Frühstück bestand aus lauwarmen Tee oder ungeniesbarem Nescafe, kaltem, kartonstarkem Fladenbrot, normannischer Butter und ägyptischer Erdbeerkonfitüre. Die wird von der Firma Al Jaheed Food&Chemical Industries zusammengemischt, ist rot getönt, aber durchsichtig und schmeckt wie das 8-Bit Sample einer Erdbeere. Außerdem rollt ein hartgekochtes Frühstücksei auf dem Teller herum. Das nächste Mysterium. Zu jedem Tee bekommt man einen Eierbecher mit Zucker serviert. Die Technik, Eier hinein zu stellen, damit sie nicht wegrollen, ist allerdings noch nicht nach Arabien gelangt. Ich stelle mir eine arabische Familie in einer österreichischen Ferienpension vor. “Schaut mal!” sagt eines der Kinder “Die stellen Eier in die Zuckerbecher!”

Ich bin die Insel, vor der mich meine Eltern immer gewarnt haben

S. Servolo, Venedig, 2006


Dieser Eintrag dient zwei Zielen:
1. soll der Klaus einen Film an das Kurzfilmfestival circuito off in Venedig schicken. Und zwar bis spätestens 12. Mai.
2. wollte ich mal wieder etwas Datenverkehr auf meinem blog verursachen. Leider arbeite ich ständig in den Bleiminen und muss nebenher noch viel nützliches leisten.

…drum diese Geschichte, auch wenn’s a alte Hackn ist. Das war im September 2006 in Venedig. Außerdem zeig ich zum ersten mal Händi-Bilder. Hätte nie gedacht, dass es einmal soweit kommt.

Mein Venedigaufenthalt war wieder mal ganz wunderbar: der leichte Schwindel vom Vaporettofahren, das Kommunikative an dieser Fussgängerstadt, Spritz trinken, Cichetti essen, nachts am Rialto sitzen und die Zeit vergessen – das kennen ja die meisten von euch.
Wer noch nicht mit mir verreist ist, glaubt ja glücklicherweise eh nicht, was ich so schreibe. Und wer noch nie hochstaplerisch auf Festen unterwegs war, auf die man ihn niemals eingeladen hätte, eh nicht.
Freibiergesichter sind in Venedig ja alle, aber meine Mitbewohner Silvio und Toma sind die Könige des Partyschnorrens. Das ist auch völlig gerecht und gut so, denn Silvio ist darbender Schauspieldebütant und Toma ein völlig mittelloser Schneiderlehrling.
Am Mittwoch haben sie sich auf das Gala-Diner der Mostra di fotografia in einem 4-Sterne Hotel in Santa Croce eingeschlichen und sich dort den Ranzen vollgeschlagen und köstlich amüsiert. Toma behauptete, Ivana Trump kennengelernt zu haben. Fast hätten sie es noch auf die Privatparty von David Lynch in einem Palazzo am Canal Grande geschafft, aber eigentlich waren sie schon für das Diner underdressed und wollten die €50 für ein Wasser-Taxi nicht riskieren… Die größte italienische Tageszeitung La Repubblicca bezeichnete Lynch am nächsten Tag als den bedeutendsten lebenden Regisseur – der Verfasser des Artikels durfte auf besagter Feier offensichtlich mit Jungfrauen in Champagner baden.

Silvio und Toma arbeiten an einem wettkampftauglichen Punktesystem, an dem der Infiltrationserfolg objektiv ablesbar werden soll. (z.B.: Stehempfang/Abendessen? Waren schriftliche Einladungen nötig? Gab es sofort Champagner? usw.).
Der größte Coup von Silvio war bisher ein extrem dekadentes Kostümfest, das ein stinkreiches Mitglied des immer noch nicht völlig verarmten Olivetti Klans in einem Ca’ am Canal Grande gab. Thema war Wald der erotischen Träume oder so… Unsereins wagt nicht mal, sich vorstellen, was da los war… Silvio hatte sich von einer befreundeten Floristin mit Draht Blumen und Blätter ins Haar flechten lassen, ein altes Jacket mit 1000 Knöpfen und anderem Schrott benäht, eine Anzughose auf 3/4 abgeschnitten. Zusammen mit einem Kumpel, der sich als wilde Orchidee verkleidet hatte, ist er einfach reinmarschiert. Keiner zweifelte daran, dass die beiden dazugehörten.

Am Donnerstag sind wir nicht auf die Party von Victoria Beckham gegangen, wo uns dank unser mafiösen Verbindungen der Zutritt sicher gewesen wäre.
Nein, der place to be war an diesem Abend die Abschlussparty des Kurzfilmfestivals auf San Servolo. Das ist die ehemalige Irrenanstalts-Insel zwischen San Marco und Lido. Es bestand kein Zweifel, dass es dort gesitteter zugegangen war, als es noch eine geschlossene Anstalt war. Denn an diesem Abend hatten sich die gesamte jeunesse doree Venedigs und einige Hundert Filmschaffende versammelt um Vollgas zu geben. Ich hatte die DJs schon vorher irgendwo kennengelernt, reinkommen war also kein Problem. Wär’s aber eh nicht gewesen:
ich hatte mir schon am Dienstag für wenig mehr als ein freundliches Lächeln im Akkreditionsbüro einen Journalistenausweis und die Goodie-Bag erschlichen und ein paar Filme angesehen. Leider gab’s für Journalisten keine Freigetränke, nur Bücher.
Die ganze ex-Anstalt, heute internationale Uni, war sehr liebevoll dekoriert, überall in den Kreuzgängen waren Chill-Zonen mit Kissen und Lichtchen eingerichtet und auf der großen Wiese waren eine monströse Musikanlage und Projektionswände für die DJs und Vjs aufgebaut. In Venedig selbst wäre das unmöglich gewesen, da darf man ja nie Lärm machen.
Nach der Ausstrahlung und Prämierung belangloser italienischer Kurzfilme gings dann richtig mit der Party los. Vorher telefonierte ich im Foyer bizarrerweise mit einer mir unbekannten Dame aus Nürnberg, die (deutlich hörbar) grade auf dem Volksfest im Bierzelt war. Das kam so: die in Paris lebende römische Schauspielerin, die die Hauptrolle in dem Film spielte, der später den ertsen Preis gewann, stand an der Kaffeebar neben mir stand, wollte einen Negroni bestellen und insistierte, dass Rosa Pianeta wirklich ihr bürgerlicher Name sei. Sie erklärte mir, dass sie eine super Freundin in Nürnberg habe, mit der sie mich jetzt sofort in Verbindung setzen müsse und drückte mir ihr Mobiltelefon in die Hand, aus dem wenig später HumpaHumpa-Musik und eine verstörte Fränkin zu hören waren… das Leben ist manchmal schon seltsam. Ich ließ Rosa Pianeta stehen und stürzte mich ins Getümmel.

Die Feier war unbeschreiblich: eine warme Sommernacht, sauvoll, alle druff – außer mir natürlich. Hab fast den ganzen Abend zu gnadenlosen Elektrobeats getanzt und mich in so bizarre Situationen manövriert, wie mit meiner lesbischen Freundin Alice rumzuknutschen und sie auf der Tanzfläche auszuziehen. Wenn man die Venezianer mal loslässt, geben sie gnadenlos Vollgas.

S. Servolo, Venedig, 2006


Als die Musik aufhörte, gab es noch eine schöne Schlägerei und dann warteten mehrere Hundertschaften völlig aufgedrehter Partynasen auf das letzte Boot nach Venedig.
Da spielten sich dann tumultarische Szenen, wie vor Lampedusa oder am letzten Rettungsboot der Titanc ab: die städtische Nahverkehrsgesellschaft hatte nur ein einziges, viel zu kleines Boot geschickt. Genauso wie im Jahr zuvor übrigens. Da waren sogar etliche ins Wasser geschoben worden. Dieses mal gab es nur würdeloses Gedränge und viel Geschrei. Die kleine Kunststudentin an meiner Hand, die ich seit 10 Minuten kannte und mit der ich mir meinen letzten Spliff geteilt hatte, schlug konstruktiverweise vor, auf das nächste Boot zu warten – wann auch immer das käme. Das dauerte keine halbe Stunde und das Vaporetto konnte gewaltfrei bestiegen werden.
Allerdings wurde es auf der Überfahrt von der Meute unkontrollierbarer Raver als riesiges Perkussionsinstrument und Schaukel missbraucht, was auch ganz interessant war.
Als ich dann schließlich in meinem Anschlussboot nach Giudecca übersetzte, fuhr gerade ein gigantisches Kreuzschiff in Festbeleuchtung durch den Kanal. Nochmal Titanic (ich hab den Film nie gesehen habs nicht vor). Die Ozeanriesen, die fast lautlos durch den Canale di Giudecca gleiten, erzeugen in den Häusern am Kanal, die sie um das bald dreifache überragen, diese leichte Vibration, die man in der lautlosen Nacht manchmal ganz früh morgens im Halbschlaf spürt, die den Boden sanft beben und Fensterscheiben leicht surren lässt.

Canale di Giudecca, venedig, 2006


Surrealer Abschluss des Abends war ein weiterer Mitbewohner. Als ich um Viertel nach Vier einlief, saß der geduscht und völlig angezogen am Küchentisch vor dem Fernseher, schaute einen Krimi und schmierte sich Honigbrote. Das sei so seine Zeit, sagte er. Norbert – so haben ihn seine germanophilen Eltern getauft – ist ein dürrer, stoischer Typ, der mit seinem Bart und Nerd-Brille ein bisschen aussieht, wie die Karikatur eines italienischen Intellektuellen. Ein lustiger, etwas anstrengender Zeitgenosse, mit dem man stundenlang bierernst über expressionistischen deutschen Film der 20er oder iberische Hofdichtung des Hochmittelalters reden kann.

Andere Baustelle: Durëssi (Albanien VII)

Heldenmonument, Durëssi, Albanien 2006


Nach einem fiebrig-verpennten Mittwoch inclusive Putzfrau erschrecken wollte ich dann trotz heftiger Schmerzen unbedingt raus. Meine Blasenentzündung war inzwischen nicht mehr zu ignorieren und an Aktionen, wie die Bahn nach Pogradeci an den Ohrid-See zu nehmen, war nicht zu denken. Die Strecke soll ganz toll sein, aber der Zug ist in katastrophalem Zustand, praktisch entkernt und braucht für die 150km einfach über 7 Stunden…
Zuhause hielt ich es aber überhaupt nicht mehr aus.
Also unternahm ich einen soften Ausflug ans Meer nach Durëssi. Glücklicherweise scheint es in Albanien unmöglich, eine langweilige Fahrt ins Blaue zu unternehmen. Auf jeder Fahrt gibt’s was zu sehen und natürlich habe ich wieder nette Bekanntschaften im Minibus geschlossen. Das Mädchen, das neben mir im Bus saß, brüllte immer wieder kurze Zusammenfassungen unserer Konversation zu ihrer Freundin hinten im Bus und die beiden und ihr Freund wollten mich dann gar nicht mehr gehen lassen, nachdem wir zusammen Kaffeetrinken waren.

Angler, Durëssi, Albanien 2006


Ich bin an den Strand geflohen – glücklicherweise hatten die einen Termin in Durëssi aber sie haben mich in den nächsten Tagen noch ein mehrmals angerufen. Mit meiner schmerzhaften Frauenkrankheit war meine Libido allerdings so ziemlich bei Null… ich war froh, mich auf den Beinen halten zu können.

Durëssi ist der größte Hafen Albaniens und wie Tirana eine Riesenbaustelle. In der Makrosicht kommt’s mir vor wie in einer Computersimulation, wie Sim-City. Diese Dynamik. Zieh ein Stück Autobahn vom Hafen nach Tirana und links und rechts davon schießen die Wohn- und Industriegebiete wie Pilze aus dem Boden. Klong klong klong! Inzwischen hörte ich den omnipräsenten Baustellenlärm gar nicht mehr. Genausowenig wie das Geratter der Notstromaggregate. Die standen an jeder Ecke und liefen ständig. Auch in Tirana fiel der Strom öfters aus, selbst im Bonzenviertel Blloki. Sogar in unserem VIP-Compound mit Notstromaggregat. Ich habe auch öfters gehört, dass ein großer Teil der Albaner keinen Strom bezahlt. Im Norden angeblich niemand.

Neubau, Durëssi, Albanien 2006


Am nicht besonders schönen Strand hab ich mich etwas gesonnt und fotografiert. Die Albaner, die meine (wie ich meinte) unauffällige Fotografiererei beobachteten, hielten mich wieder für total bescheuert, was ich so ablichtete. Ich hatte mich dran gewöhnt. Im Gegenteil: unter der Narrenkappe ist gut Leben. Und außerdem seid ihr alle verrückt, nicht ich!

Herrentoilette, Durëssi, Albanien 2006


Die Schmerzen trieben mich dann doch in eine Apotheke. Die anmutige Apothekerin hinter dem Holztresen gab mir nach kurzer Fachberatung Vitamine, bulgarischen Erkältungstrunk und Antibiotika. Es ging nicht mehr anders.

Von meiner Balsenentzündung kamen wir recht schnell zum Privaten und unterhielten uns bestimmt eine halbe Stunde – für mich als unterkühlter Mitteleuropäer ungewöhnlich offen.
Sie war im gleichen Dilemma wie so viele junge Albanier: in den Westen gehen oder dableiben? In den letzten Jahren sind von 3,5 Millionen Albanern ungefähr eine Million ausgewandert. Das Land leidet unter einem enormen Brain-drain: alleine nach Kanada sollen 90.000 Akademiker gegangen sein.
Natscha, so hieß das schicke Mädchen, erzählte in bestem Englisch und mit hinreißendem Naturcharme, sie hätte einen super Abschluss in Pharmazie gemacht und könnte und würde ja schon gerne ins Ausland gehen. Als Einzelkind wolle sie aber nicht ihre Familie im Stich lassen. Und sie habe ja einen vergleichsweise sehr guten Job und absolut keine Lust im goldenen Westen als Putzfrau zu arbeiten. Aber in Albanien könne man keine Karriere machen. Außerdem wär’s in Albanien für Frauen nicht so liberal wie bei uns – was sie in vielerlei Hinsicht aber auch gut fände. Als ob es das normalste der Welt wäre, das einem dahergelaufenem Fremden mitzuteilen, erklärte sie mir, dass sie mit 24 noch Jungfrau sei und das total O.K. wäre.
Erneut beeindruckt von der Offenheit und Leutseeligkeit der Albaner und mit den Taschen voller Drogen verließ ich die Apotheke.

Sterbeanzeigen, Durëssi, Albanien 2006


Es wurde auch schon fast dunkel, also höchste Eisenbahn einen Furgon zurück nach Tirana zu nehmen. Nachts fahren nicht mal diese Höllenkutscher – ist zu gefährlich auf den Straßen. Beim Einsteigen fand ich 500 Lek neben dem Fahrersitz und gab sie dem Fahrer, der außen stand. Der hat erst gar nix kapiert. Als er mich verstanden hatte, meinte er, ich solle es doch behalten, wenn ich es gefunden hätte! Nach einigem hin und her – man bedenke, dass ich für die Menschen dort Krösus bin – nahm er es widerwillig an.
Er wollte mich auch nicht zahlen lassen, als ich in der Smog-Hölle von Tirana ausstieg.
Das gehört zu den erstaunlichsten Eindrücken dieser Reise: wie wahnsinnig ehrlich die Leute sind. Das komplette Gegenteil des Räuberbanden-Images, das die Albaner im Ausland genießen. Man läuft dir buchstäblich wegen 10 Cent hinterher.
Der Fahrer nahm schließlich mein Geld und bedankte sich dann auf diese wunderschöne albanische Art:
Er legte die rechte Hand auf die Brust, schaute mir lächelnd in die Augen und machte eine kleine, würdevolle Verbeugung.
So hab ich mir als Kind immer die vornehmen Sultane und Wesire aus Tausend und eine Nacht vorgestellt.

Der Hafen von Durëssi, Albanien 2006Rohbau, Durëssi, Albanien 2006Heldenmonument, Durëssi, Albanien 2006Wohnhäuser und Baustelle, Durëssi, Albanien 2006Neubau, Durëssi, Albanien 2006Held, Durëssi, Albanien 2006Seeigel?, Durëssi, Albanien 2006An der Promenade, Durëssi, Albanien 2006Luna Park, Durëssi, Albanien 2006Herrentoilette, Durëssi, Albanien 2006Entertainment Center, Durëssi, Albanien 2006Angler im Meer, Durëssi, Albanien 2006Angler, Durëssi, Albanien 2006Luna Park, Durëssi, Albanien 2006Das Archäologische Museum, Durëssi, Albanien 2006Skyline, Durëssi, Albanien 2006Römisches Theater, Durëssi, Albanien 2006Haustiere, Durëssi, Albanien 2006Sterbeanzeigen, Durëssi, Albanien 2006

Down and out in Lezha (Albanien IX)

In Shkodra spazierenzugehen hatte noch mal ganz besondere Qualitäten : wenn man in Tirana als Fremder auffiel, dann war man in Shkodra eine kleine Sensation. Immer wieder winkten mir Leute zu, sprachen mich an.

Shkodra, Albanien 2006


Die Leute sind recht direkt, in Albanien, falls ich das noch nicht erwähnt habe. Wenn ich ein Foto machte, wollten sie, das ich auch eines von ihnen machte. Oder sie wollten auf gar keinen Fall, dass ich ein Foto machte, packten mich am Arm und zerrten mich schimpfend ein paar Meter weiter, wo ich ihrer Meinung nach hingehörte – dann wars wieder gut.

Sonst fühle ich mich mit der Leica immer unsichtbar – aber hier hatten mich die Leute auch ohne Kamera sofort auf dem Radar. Man merkte, dass es sehr gut ist, Freund eines Albaners zu sein und sehr schlecht, sein Feind zu sein.
Shkodra erschien mir als ein einziger großer Souk, überall Läden und Stände. Ein manchmal malerischer, oft krasser Lebensmittel-Markt.

Markt in Shkodra, Albanien 2006


Markt in Shkodra, Albanien 2006


Viel sozialistischer Beton. Um nicht zu erfrieren, erstand ich von einer süßen alten Oma, die Selbstgestricktes verkaufte, ein Leibchen aus Wolle: das ist richtig schön dick, schwer, kratzig und warm und roch sehr lange dezent nach Schaf.
Skanderbeg-Gedenkstätte, Lezha, Albanien 2006


Auf besagter Kusturica-Heimfahrt, legte ich nach einandhalb Stunden Kanarienvogel-Freundschaft einen Zwischenstopp in Lezha ein. Da war mal der hochgeschätzte Osmanen-metzelnde Nationalheld Skanderbeg begraben. Die Gedenkstätte war aber zu.

Hausschweine, Lezha, Albanien 2006


Lezha ist keine große Stadt, aber ich war nicht darauf vorbereitet, als mitten im Zentrum plötzlich zwei rosa Ferkel vor meinen Füßen die Straße kreuzten und grunzend in einer städtischen Grünanlage verschwanden. Wie bei uns Katzen.

Bahnübergang, Lezha, Albanien 2006


Ansonsten wär’s nicht so aufregend gewesen, wenn ich an den Bushaltepunkt zurückgegangen wäre und den nächsten Furgon nach Tirana genommen hätte. Statt dessen verlief ich mich und nahm dann auch noch die falsche Brücke aus der Stadt. Ich kam ganz, ganz, ganz woanders raus. In einer sehr seltsamen Jeff Wall Unort – Gegend. Entwickelte sich zu einer richtigen Wanderung und es war dann auch schnell dunkel. Straßenbeleuchtung gab es selbstverständlich nicht. Kein guter Ort nachts, aber vor allem fahren irgendwann ja auch keine Minibusse mehr. Und die die vorbeikommen, halten nicht,weil sie voll sind.

Nachdem ich ziemlich lange leicht lebensgefährlich aber spannend bei Wind und Wetter im Dunkeln die Autobahn entlanggelaufen war, hat mich dann doch noch ein Furgon Richtung Tirana aufgelesen. Schade eigentlich – hätte das nicht geklappt, wäre das eine prima Entschuldigung gewesen, die bereits angenommene Einladung zum Abendessen sausen zu lassen und im Jagdhaus von Mussolinis Schwiegersohn zu übernachten. Das ist irgendwo außerhalb von Lezha.

So war ich dann, wie die letzten Abende auch, wieder in einer völlig anderen, aber auch interessanten Welt und mit lauter Diplomaten unterwegs. Meine zickige Gastgeberin war mal gut drauf und sie und ihre Kollegin hatten mich in ein echt gutes französisches Restaurant eingeladen. Da verließ mich sogar mal kurz meine permanente Appetitlosigkeit. Wir haben nicht so lange gemacht, ich konnte auch nichts trinken und nahm brav meine Tabletten und bulgarischen Erkältungssäfte um meine Frauenkrankheit auszukurieren.

Ach ja, ein Nachtrag, den man hätte ahnen können: das mit den gehängten, gepfählten und gekreuzigten Stofftieren gegen den bösen Blick ist nur die Tamagotchi-Version des nach wie vor praktizierten Brauchs, als Opfer für einen Neubau ein Schaf zu schlachten und ins Fundament mit einzubetonieren.
Aber es geht noch besser: früher hat man auch Frauen verbaut.

Zumindest lautet so die legende der Burg von Shkodra. Da stürzte den Erbauern nämlich jeden Tag ihre schöne Burg wieder ein und jeden Tag bauten sie das Ding wieder auf. Damit das Ding nicht ständig von den verstimmten Göttern plattgemacht wurde, soll einer der Herren als Opfer seine Frau eingemauert haben. Die erbat sich zwei Öffnungen in der Mauer, damit sie ihre Kinder säugen und beobachten könne, was ihr gewährt wurde. Die Burg gibt’s immer noch. Angeblich gib’s da auch eine Quelle in der Nähe, aus der trübes Wasser entspringt, womit sich Frauen die Brüste einreiben, um ihre Milchleistung zu erhöhen.
Wäre sicherlich auch hochinteressant zu sehen gewesen. Da hab ich’s aber nicht hingeschaft – und bei der Kälte…?

Autoscooter, Lezha, Albanien 2006