Der Clou
In der Warteschleife der syrischen Botschaft lief in einer Casio-Vollplastikversion “The Entertainer” von Scott Joplin. Ich sah Robert Redford in “Der Clou” vor mir und überlegte wie das wohl zum Schurkenstaat Syrien passt. Alkoholprohibition und Maschinengewehre vielleicht? Dann erklärte mir eine weibliche Botschaftsmitarbeiterin in sehr ordentlichem Englisch, dass wir auf keinen Fall ein Visum bekommen könnten. “No, it’s not possible.” So kurz und barsch, als ob sie – um ein weiteres Klischee zu bedienen – das njet-Sagen von ihren früheren russischen Freunden gelernt habe. Dabei hatten die Leute vom Hotel behauptet, mit bis zu 90%iger Sicherheit könnten wir über die Grenze gelangen – vorausgesetzt wir wären keine Amerikaner und hätten kein israelisches Visum im Pass…
“Und an der Grenze?” insistierte ich deshalb. Darüber könne sie keine Auskunft geben – “You can try – I don’t know.” Alles hing also von der Willkür der Grenzer ab. Na gut. Das klang ermutigend genug, um es zu versuchen.
Wir waren bereits zwei Tage volle in Amman und wollten weiter.
Dabei fanden wir es eigentlich ziemlich aufregend, den ganzen Tag diese chaotische, enge Zweimillionenstadt zu durchstreifen. Aber wir ahnten, dass woanders noch aufregendere Dinge auf uns warten würden. Mir kommt es vor, als hätten wir den ersten Tag komplett bei Gewürzhändlern verbracht, die immer neue Wunder und Köstlichkeiten aus ihren Tausend und einer Schubladen zogen. Wir besichtigten nebenbei das sehr gut erhaltene, leider überrenovierte römische Theatrum, das Odeon, ein Nymphaeum, sowie zwei sehenswerte volkskundliche Sammlungen mit Beduinentrachten, etc. Wir durchstreiften den ganzen Tag die engen Basare. Wundervoll und sehr chaotisch, voller exotische Gerüche, denn es gibt nicht nur sehr viele Gewürzhändler, sondern auch unglaublich viele Läden, die Parfüms mischen.
Wir kamen überall ins Gespräch mit den Leuten. So ging das den ganzen Tag, zwischendurch tranken wir an zwanzig Orten zwanzig Gläser Tee und Kaffee und aßen Knafah, eine suchtigmachende, warme arabische Süßspeise mit Käse und roten Zuckerfäden drauf. Wir mussten gleich kompulsiv mit dem Shoppen beginnen. Ich kaufte mir eine jordanische Simkarte und Weihrauch, Fabio lange Unterhosen, Safran und in einer der diabolisch lecker duftenden Nussröstereien eine Tüte Erdnüsse für einen Dinar, an der wir fast bis ans Ende unserer Reise gemeinsam mit all unseren jeweiligen Mitreisenden knabberten.
Abends latschten wir quer durchs moderne Diplomatenviertel, Jebel Amman, da siehts westlich und großzügiger aus, mit Absurditäten wie amerikanischen Supermärkten und teilweise recht vornehmen Neubauten. Eigentlich suchten wir ein Restaurant, ein arabisches Restaurant besser gesagt, aber trotz mehrerer Kliometer Fußmarsch fanden wir nichts. Dafür eine Druckerei, die Fabio stürmte, um sich sich mit seinen Kollegen zu verbrüdern. Der Laden war von einem palästinensischem Mitarbeiter mit gruseligen Zeitungsausschnitten und Bildern der Intifada tapeziert. Und ein taubstummer Drucker bot uns (überraschend spät, fanden wir) die erste Hitler Performance, mit Bärtchen und deutschem Gruß, als wir erzählten, wo wir herkamen. Dabei blieb es übrigens auf der ganzen Reise, vielleicht haben die Araber inzwischen rausbekommen, dass sie auch Semiten sind. Immer hin sah ich in Damaskus eine arabische Edition von “Mein Kampf” im Schaufenster eines Buchladens. Am Ende unserer Kräfte fanden wir schließlich, eigentlich gleich bei unserem Hotel, das Jerusalem Restaurant, ein gefliester Raum in grellem Neonlicht. Das Essen, Huhn, Reis, Hommus, Salat und Tee, war in Ordnung, die scharfen grünen Oliven waren ganz ausgezeichnet. Alkohol gabs nicht. Die Karte übersetzte uns ein netter Kellner mit sehr schlechten Zähnen, der perfekt portugiesisch sprach. Er kam immer wieder an den Tisch um mit uns in einem Portugiesisch-Spanisch-Italienisch-Kauderwelsch zu palawern und irgendwie klappte es. Klappt ja immer – die Leute sind sehr kommunikativ da unten und jeder scheint permanent mit jedem zu reden. Allerdings verstand unser Kellner Fabios Kompliment über arabische Frauen ziemlich falsch und empfahl uns gleich ein Bordell um die Ecke – “Nur fünf Dinar!” meinte er augenzwinkernd. Wir saßen dann doch lieber bei mehreren Gläsern Tee auf den Balkon eines ziemlich fertigen aber legendären Teehauses über der König Feysal Straße. Um uns rum spielten die arabischen Gäste – natürlich nur Männer – Backgammon oder Karten und rauchten Wasserpfeife. Wir genossen unseren Kulturschock.
Nach dem super Frühstück im Palace-Hotel marschierten wir am nächsten Tag durch ein ärmliches Wohnviertel zur Zitadelle hoch. Wir verschenkten Süßigkeiten an die wegelagernden und spielenden Kinder und die größeren Jungs zeigten Fabio dafür ein zotiges Pornovideo auf ihrem Händi. Oben auf der Akropolis sind die Reste römischer, byzantinischer und noch älterer, ammonitischer Siedlungen, des biblischen Rabbat ausgegeraben worden. Aus dem Gewirr der Epochen ragt außerdem ein Omayyadenpalast und der Ort bietet eine tolle Aussicht über das hügelige Amman und eine gigantische Nationalflagge. Wir verbrachten den Rest des Tages damit, vorsätzlich planlos in der Stadt herumzustreifen. Immer wieder beeindruckt von der Aufgeschlossenheit und und Freundlichkeit der Araber. Selbst wenn sie nicht gut Englisch können, wird man so häufig auf der Straße gegrüßt, angesprochen, nach einem kurzen Gespräch oft beschenkt und eingeladen.
Fabio ließ sich rasieren und wir besichtigten ein Dutzend Juweliere. Fabios Suche nach der perfekten Rasur und einem 21-Karat Ring mit einem schönen Lapislazuli sollte uns die ganze Reise beschäftigen. Zwischendurch platzten wir in eine Hochzeitsgesellschaft, ergötzten und gruselten uns in den Lebensmittelsouqs. Außerdem hab ich noch nie soviele Kanarienvögel und Aquaristikfachgeschäfte gesehen. Wir lernten unterwegs also wieder viele lehrreiche Dinge und nette Leute kennen und probierten auf Empfehlung eines Pferdehändlers abends ein anderes Restaurant aus, das Cairo. War besser als am Vorabend, ich hatte Fisch in Gewürzkruste, Reis, Hommus, (wieder das beste aller Zeiten). Ganz gut und sehr preiswert, der Service freundlich, aber wir saßen wieder in einem gekachelten, neonbeleuchtetem Laden voller junger Männer, der wie das abgefuckteste McDonalds Europas, ca. 1993 aussah. Es musste doch Restaurants mit Ambiente in dieser Kapitale geben? Später waren wir in einem ganz verruchten, komplett metallic-tapezierten, schmuddeligen Laden, der KitKat Bar, da gab es Alkohol und Bauchtanzvideos und ein riesiges Aktgemälde einer lasziv auf dem Divan ausgestrecken orientalischen Schönheit. Und natürlich nur Männer als Gäste.
Am nächsten Morgen um acht holt uns Fawsi unser verschlagener Fahrer auf dem Trip nach Damaskus ab. Die legendäre Hejazbahn fährt leider nicht mehr. Hat sich anscheinend nie mehr so richtig von den Anschlägen eines Lawrence of Arabia im ersten Weltkrieg erholen können. Die einstige Strecke Damskus-Medina ist eh nur in Teilstrecken erhalten. Amman-Damskus derzeit außer Betrieb. Mit dem Auto sollte der Lift dafür nur zehn Dinar (entspricht Euro) kosten. Kam uns unglaublich wenig für eine mindestens dreistündige Fahrt vor und wir waren total gespannt, ob wir über die Grenze kommen würden.
Im Auto saßen bereits zwei Irakerinnen, Enas und ihre hübsche 18jährige Tochter. Bis zur Grenze kannte ich die gesamte Familiengeschichte der sehr netten Frau. Sie waren auf Verwandschaftsbesuch in Amman gewesen und fuhren zurück nach Damaskus. 2005 war die Familie aus Bagdad gefohen und sie wollen nie wieder zurück, erzählte mir die Frau. Enas hat ihren ältesten Sohn im letzten Jahr bei einem Autounfall verloren und lachte mich trotzdem aus, als ich mich anschnallte. Sie ist Schiitin, ihr Mann Sunnit. Sie wollen nach Schweden auswandern.
Als wir nach 70km Fahrt durch die Ödnis an der Grenze ankamen, wurde so kompliziert, wie man sich die Einreise in einen echten Schurkenstaat vorstellt: erst die lasche Passkontrolle der Jordanier, dann aussteigen, Ausreisemarken kaufen, an einem anderen Schalter einkleben und abstempeln lassen. Dann im Niemandsland am schicken Duty Free aussteigen. Unser Fahrer spickte alle Hohlräume im Wagen mit Zigaretten, die Damen kauften Schweizer Schokolade und ebenfalls Zigaretten. Dann an die syrische Grenzstation. In der großen Halle anstellen, Pass abgegeben und das riesige Schild bewundern auf dem in abenteuerlicher Schreibweise (“Bolognia” ist Polen) die Visa-Preise für die verschiedenen Länder stehen. Phantasievolle Köpfe in Damaskus haben sich für jedes Land der Welt einen anderen Tarif überlegt. Die politischen Beziehungen lassen sich grob ablesen, aber eigentlich kann man kaum einen Sinn erkennen… Von gratis bis hundert Dollar. Wir lagen mit unseren Pässen im Mittelfeld. Fabio musste laut Tafel 20, ich 32$ zahlen, was ich angesichts der italienischen Nibelungentreue mit den Amis für etwas ungerecht halte. Überall flitzten Schwerbewaffnete in schlechten Uniformen rum. Ein bizarrer Ort und ein bizarres Einreiseritual: nach langem Warten, prüfenden Blicken und einigen blöden Fragen der Uniformierten (an Fabio: “Was drucken Sie?”) kriegen wir einen Zettel. Damit sollen wir zur Kasse. Wo ist die nur? Ein kleines Nebengebäude. Da werden wir abgewiesen. Nein, wir müssen in der amtlichen Wechselstube in Nebengebäude drei wechseln – die syrischen Pfund, die wir vor einer halben Stunde im Niemansland getauscht haben sind ohne Quittung wertlos. Ok, die letzten $$ zusammengekratzt. Dafür bekommen wir wieder Marken, diesmal syrische, am Schalter zwei und dürfen das ganze dann am Schalter eins abgeben und wieder warten. Aber es sieht gut aus und in der Tat dürfen wir einreisen. Willkommen in der Militärdiktatur! Die Fahrt geht weiter und mit aufgerissenen Augen saugen wir die ersten Eindrücke von Syrien auf. In der Ferne schneebedeckte Gipfel. “Syrien ist kalt.” sagt Enas.











































































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